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Süßes, dann gibts Saures

Geschrieben am 25.02.2009 - 21:51 von Moritz Homann in Gesellschaft.

Eurocents

Wir haben bei uns im Betrieb eine “Snackbar”. Das ist ein hölzener Kasten mit vielen Fächern, gefüllt mit allem, was das Herz beim Hungerloch um 17 Uhr nachmittags begehrt: Schokoriegel, Kekse, Chips, Gummibärchen. Jeder Artikel kostet 70 Cent, die man in eine kleine Kasse einwerfen muss. Nun hat man ja nicht immer 70 Cent an Kleingeld parat. So ging es auch mir vor einigen Wochen. Also habe ich für meinen Schokoriegel ein 1-Euro-Stück eingeworfen.

Am nächsten Tag gelüstete es mich nachmittags wieder nach einer Süßigkeit, und ich wusste noch, dass ich am Tag zuvor irgendwie zu viel Geld eingeworfen hatte. Also nahm ich mir einen Riegel, ohne Geld einzuwerfen. Im Raum war es schon dunkel, niemand hat das gesehen. Damit habe ich den Betrieb effektiv um 40 Cent betrogen.

Einer Frau in Berlin ging es ähnlich wie mir. Barbara E. soll allerdings richtig zugeschlagen haben: Um 1,30 Euro hat sie ihren Betrieb betrogen, so der Vorwurf. Die Geschichte geht derzeit durch alle Medien, “Kaiser’s Tengelmann” heißt Barbaras Betrieb. Der Unterschied zwischen meinem und ihren Fall, abgesehen von der 1-Euro-Differenz: Sie arbeitet seit 31 Jahren dort. 31 Jahre, das muss man sich erstmal vorstellen.

Barbara E. wurde gekündigt. Sie klagte dagegen, verlor. Will weiterklagen, wird wahrscheinlich wieder verlieren. Das Vertrauen, das der Arbeitgeber in sie gesetzt hat, sei zerstört, heißt es. Anscheinend ist es rechtlich egal, wie hoch der Betrag ist, der veruntreut wird. Nur: Wenn ich zu meinem Verleger gehe und gestehe, dass ich für 30 Cent Schokoriegel veruntreut habe, lacht er mich aus. Wenn ich sage, dass ich die neue Spiegelreflexkamera habe mitgehen lasse, sieht es etwas anders aus.

Sprich: Die Begründung, nicht einmal bewiesen, ist lächerlich. Man wollte die Frau augenscheinlich loswerden, weil sie unliebsam wurde. Von der Gewerkschaft wollte sie sich nicht trennen, vielleicht bestand sie ja sogar auf angemessenen Löhnen, humanen Arbeitsbedigungen und Mitspracherecht, alles Faktoren, die die Gewinnmaximierung beeinträchtigen könnten.

Es mag polemisch und einfach klingen, aber wer diesen Fall mit den Staatshilfen für gescheiterte Banker, die sich sang- und klanglos aus der Verantwortung stehlen können und dafür noch mit Boni entlohnt werden oder mit Besserverdienern, die ihr Geld nach Liechtenstein geschafft haben und bei rechtzeitiger Selbstanzeige keinerlei Strafe zu fürchten haben, vergleicht, bleibt nur noch eines: Wut, Unverständnis, Kopfschütteln. Der Vergleich zwischen der Nachricht vom 1,30-Euro-Betrug und den Milliarden, die in Privat- wie Landesbanken, zum Teil wissentlich, verzockt wurden und für die nun die Gemeinheit geradestehen muss, stellt einen neuen Höhepunkt der Ungerechtigkeit in unserem Land dar.

Barbara E. wird arbeitslos, inmitten der Krise, wegen 1,30 Euro. Weil sie es gewagt hat, sich nicht alles gefallen zu lassen, was ihr der Arbeitgeber vorschreibt, weil sie für ihre Rechte eintrat und noch immer eintritt. Wo soll das noch enden.

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3 Kommentare zu “Süßes, dann gibts Saures”

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