Gebt der Politik das Apple-Image

“Oh mein Gott”, denke ich, als ich das Foto sehe. Am Mittwoch darf ich zum politischen Aschermittwoch, ein CDU-MdB spricht über “Deutschland im Fadenkreuz des Terrorismus?”, ich kann mir schon in etwa denken, wie das aussehen wird. Aus Neugier surfe ich durch die (nicht eben hübsche) Website dieses Bundestagsabgeordneten, stoße auf eben jenes Foto. Es bildet Politik ab, wie sie in meinen schlimmsten Albträumen aussieht.
Auf dem Bild zu sehen ist ebenjener Abgeordneter, über 50, in Anzug, Krawatte, mit grauen Haaren. Um ihn herum stehen Jugendliche. Es ist ein “Lattenzaun”-Bild, wie wir das im Journalismus nennen, das heißt, alle stehen in einer Reihe, meist unmotiviert, das Bild ist langweilig. Die Jugendlichen auf dem Bild sind Sternsinger, was leider nicht ganz in mein Bild passt, da ich zuerst annahm, dass es sich um Jusos/Julis/JU-ler oder sonstwas handelt.
Denn: Drei Viertel der Jugendlichen tragen Brille, bei einem schaut oben aus dem unifarbenen Pullover der karierte Hemdkragen raus. Modisch allesamt indiskutabel, “Streber” hätte man früher vielleicht gesagt, vielleicht auch heute noch. Auf diesem Bild sind es zwar Sternsinger, aber mal ehrlich: Es könnten genausogut JU-ler sein.
Wie immer lange Rede, wie meistens kurzer Sinn: Politik ist unsexy. Es gibt vielleicht eine Politikerin, die man als halbwegs attraktiv beschreiben könnte, und die ist bäh, weil sie links und kommunistisch ist und so weiter. Als attraktiv unter den Männern gilt Horst Köhler. Der Mann ist 66. Unter Rentnerinnen bestimmt der große Renner, aber sonst?
Jetzt müssen natürlich nicht alle Politiker auch gleichzeitig einen Miss- oder Mister-Titel tragen, um Himmels willen. Aber mal ehrlich: Woran denkt ein junger Mensch, wenn er an Politik denkt? An Debatte, Plenarsaal, Anzugträger, Beschlussvorlagen, Parlament? Das klingt ja schon alles furchtbar langweilig. Und genauso schlimm sind die Typen dazu. Steinmeier, Merkel, Müntefering, Kauder. Können die junge Menschen mitreißen? Überhaupt erreichen? Nach fast jeder politischen Talkshow stellt sich das Gefühl ein: Und was hat das jetzt gebracht? Wenn sich jemand als junger Mensch nicht für Politik interessiert, so wie ich das lange getan habe, hat er meinen Segen. Es ist einfach furchtbar unattraktiv.
Muss das so sein? Ist Politik nur was für alte Menschen? Wenn die Politik das gesamte Volk vertritt, warum ist dann der durchschnittliche Bundestagsabgeordnete um die 50 Jahre alt (geschätzt)? Warum vermitteln fast alle Politiker den Eindruck, wenn sie den Mund aufmachen, dass es gleich unheimlich langweilig wird? Ständig wird geklagt, dass sich Junge nicht für Politik interessieren. Und was wird getan, um das zu verbessern?
Junge, modische, hippe Menschen und Politik, irgendwie passt das nicht so recht zusammen. Alles, was mit Politik zusammenhängt, ist mehr oder minder langweilig. Der Plenarsaal des Bundestags ist eine Hommage an die Langeweile. Die Reden sind langatmig, teils kompliziert, teils inhaltsleer. Dabei müsste das nicht so sein. Die USA zeigen, wie es anders sein kann. Mit Web, Design, starken Reden, Begeisterung. Obama ist zwar auch schon 48. Aber er wirkt eher wie Mitte 30.
Also, was tun? Das komplette Bundesparlament gegen junge Designer austauschen? Alle auf ein Rhetorik-Seminar schicken? Wörter wie “Parlamentsdebatte” gegen sowas wie ”topic talk” austauschen? Wahrscheinlich alles zu viel. Aber es könnte doch ein bisschen attraktiver sein. Ein bisschen sexier. Ein bisschen weniger Volker Kauder, ein bisschen mehr Sahra Wagenknecht. Ein bisschen weniger staatsmännisches Gelaber, ein bisschen mehr Inhalt und Begeisterung. Und dann wird das auch mit ein bisschen weniger Politikverdrossenheit.
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5 Kommentare zu “Gebt der Politik das Apple-Image”
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23.02.2009 -
20:00 von Moritz Homann in
February 23rd, 2009 at 20:45
Du redest und denkst selbst schon wie einer der gescholtenen Politiker. Die erzählen auch immer (vorzugsweise nach verlorenen Wahlen), Inhalte müssten nur besser vermittelt werden damit das dumme, bockige Wahlvolk weniger politikverdrossen wird. Dass das das Wohlvolk vielleicht gar nicht dumm, aber die dafür die Inhalte sehr verdrießlich sind, das ist natürlich völlig ausgeschlossen! Was die Politiker mit dieser Argumentation bezwecken, erschließt sich mir durchaus (Ablenkung und Ausrede), aber wo würde denn deiner Meinung nach der finale Nutzwert eines Aufsexens liegen?
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February 23rd, 2009 at 21:09
Dass Politikverdrossenheit auch gerne als Erklärung für geringe Wahlbeteiligung vorgeschoben wird, ist in der Tat ein Problem. Und ich glaube auch, dass es einige gibt, die sich von der Politik abgewandt haben, weil sie sich nicht vertreten fühlen und es keine Partei gibt, die sie wählen wollen.
Ich denke aber, dass es viele Junge gibt, die sich einfach nicht für den ganzen Politik-Themenkomplex interessieren, was vorrangig an dem verstaubten Image liegt. Also, wieso Politik nicht interessanter machen? Letztendlich ist es ja eine spannende Sache. Aber dafür muss man sich erstmal reindenken und lernen, das ganze Äußere zu ignorieren.
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February 23rd, 2009 at 21:15
Also, wieso Politik nicht interessanter machen?
Aber wozu? Wem nützt das außer denen, die die bereits erwähnten verdrießlichen Inhalte produzieren? Womit haben die sich deine Unterstützung verdient?
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February 23rd, 2009 at 21:17
Ich find das wichtig, dass in einer Gesellschaft alle die können und wollen sich an deren Gestaltung beteiligen können. Und dabei sollte es diesen Menschen auch so einfach und attraktiv wie möglich gemacht werden.
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February 27th, 2009 at 12:59
CDU klaut Obama-Logo: http://www.fontblog.de/cdu-leiht-sich-obama-logo
Und jetzt wählst du die?
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