Und sie gewinnen doch

Es ist 15:21 Uhr. Der Kandidat trägt ein weinrotes Hemd, nippt genüsslich an seinem Kaffee. Kaffee trinkt er viel und gerne, am liebsten schwarz, ohne Milch, ohne Zucker. Ganz puristisch. Was er gefrühstückt habe, will jemand wissen. Das sei relativ einfach, entgegnet der Kandidat, drei Scheiben Brot mit Frischkäse.
Man sollte meinen, ein Spitzenkandidat hätte am Nachmittag der Landtagswahl Besseres zu tun, als einen Videochat zu veranstalten. Man sollte meinen, von den knapp 300 im Chat anwesenden Personen sind gut ein Drittel Spaßvögel und mindestens ein Drittel Nicht-Hessen. Man sollte meinen, Thorsten Schäfer-Gümbel sollte in der halben Stunde an diesem Sonntag lieber noch auf irgendeinem Marktplatz den Hessen seine bildungspolitischen Ziele schmackhaft machen. Man sollte.
“Mit Verlaub, Herr Schäfer-Gümbel, aber das Hemd geht gar nicht”, schreibt jemand im Chat. Der etwas unscharfe und verpixelte Schäfer-Gümbel verfolgt die Nachrichten, setzt eine etwas irriterte Miene auf und fragt in die Kamera: “Wieso geht das Hemd nicht?”. Modefragen, fünf Stunden bevor die Wahllokale schließen.
Sie nennen ihn “TSG”, in Anlehnung an den Fußballverein, der innerhalb kürzester Zeit einen kometenhaften Aufstieg hingelegt hat. Den sollte auch er hinlegen. Doch es hat nicht gereicht, ganz im Gegenteil, die SPD hat bei der Landtagswahl in Hessen ein desaströses Ergebnis eingefahren. Doch das ist nicht die Schuld von TSG.
“Du hast keine Chance, also nutze sie” – nach diesem Grundsatz hat Schäfer-Gümbel die vergangenen Tage und Wochen bestritten, er reiste durch Hessen, um Wähler zu überzeugen, er twitterte, hielt Videochats ab, war und ist bei Wer-kennt-Wen, meinVZ, YouTube und Facebook. Er war der “Obama von Hessen”, versuchte sich im Online-Wahlkampf. Mauserte sich vom “Hinterbänkler” zum respektablen Kandidaten, mit Selbstironie und seiner unverkennbaren Brille. Er begann im Trümmerfeld namens Hessen-SPD, Fundamente aufzubauen.
Jetzt hat er die Chance, als voraussichtlicher Nachfolger von Andrea Ypsilanti als hessischer SPD-Chef, die Partei erneut an den Machtwechsel in Hessen zu steuern. Dass Ypsilanti zurückgetreten ist, war nur konsequent. Ypsilanti hat Fehler gemacht und ist gleichzeitig Opfer einer ewigen Wortbruch-Kampagne geworden – ihr Rücktritt ist für alle Beteiligten die beste Lösung.
Die CDU hat die Wahl in Hessen nicht gewonnen. Während Schäfer-Gümbel alles unternommen hat, um die Chancen der SPD zu steigern, musste Koch lediglich abwarten (großartige Karikatur). Die Wähler haben die hessische SPD ebenso bestraft wie sie die CDU im Gegenzug nicht belohnt haben. Profitiert haben Grüne und FDP. Ob das an der besseren Politik liegt, darf bezweifelt werden – vielmehr wohl an der Flucht vor den beiden großen Übeln in die kleineren.
“Eine Denkzettelwahl”, lautet TSGs nüchternes Fazit nach den ersten Hochrechnungen auf Twitter. Er dankt seinen Mitarbeitern und Unterstützern. Und schließlich: “Morgen beginnt Aufholjagd.” Seine Jagd wird fünf Jahre dauern und schwer werden. Aber Schäfer-Gümbel hat das Zeug dazu, und vor allem: Die Bürgernähe. TSG gibt sich große Mühe, seinen Wählern so nah wie möglich zu sein. Bleibt zu hoffen, dass er dieses Ziel weiter verfolgt. Mit viel Kaffee. Und seinem weinroten Hemd. Das doch eigentlich gar nicht so übel ist.
Übrigens: Ein erfrischender Live-Kommentar der Hessen-Wahl ist bei der FR zu finden. (via)
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Ein Kommentar zu “Und sie gewinnen doch”
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18.01.2009 -
22:46 von Moritz Homann in
January 19th, 2009 at 15:58
Das Hemd geht absolut. Die Krawatte passt nicht.
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