Die heile Welt des Lutz

Seit jeher muss sich “Die Linke” mit denselben Vorwürfen auseinandersetzen: Ex-Stasi-Mitlieder in den eigenen Reihen, mit dem Sozialismus liebäugelnd, die DDR verklärend, im Kern immer noch die alte SED. Und dann liefert Lutz Heilmann, Bundestagsmitglied der Linken, eine Steilvorlage für all diejenigen, die in der Partei schon immer die schleichende Rückkehr der Stasi-Bespitzelungsmethoden gesehen haben. Jetzt ist der Spuk um den Linken und die Wikipedia vorbei – die Seite ist wieder wie gewohnt zu erreichen, das Online-Lexikon verzeichnet einen Spendenanstieg und das ganze Internet kennt Lutz Heilmann. Also alles gut?
Es ging wirklich kaum dümmer. Das allein schon aus zwei Gründen: Wenn Heilmann gewisse Äußerungen über sich in seinem Wikipedia-Eintrag nicht lesen will, kann er sie ändern. Selbst wenn diese Änderungen dann nicht von Dauer sein sollten, gibt es bessere Wege, als die deutsche Weiterleitung auf wikipedia.de zu sperren. Zweitens: Trotz der fehlenden Weiterleitung war die deutsche Wikipedia und damit auch der Heilmann-Eitnrag weiterhin zu erreichen, nämlich über de.wikipedia.org – und die meisten Wikipedia-Nutzer dürften sowieso diese Adresse nutzen, oder über Toolbars und ähnliches darauf zugreifen.
Ganz gleich, um welche Äußerungen es dem Politiker letztendlich ging, das vermittelte Bild ist klar – der Zensurwahn der Linken macht nicht einmal vor dem Internet halt, diesem unkontrollierbaren, demokratischen Pool an Meinungsfreiheit. Da ist es auch egal, dass Heilmann inzwischen seine juristischen Schritte eingestellt hat. Es ist auch egal, dass viele Linke-Mitglieder Heilmanns Vorgehen verurteilen und dass seine Aktion nicht mit dem Vorstand abgesprochen war. Der Ruf der Linken ist wieder einmal beschädigt, und gerade viele linke Internetaffine, für die sich die Partei zu einer wählbaren Alternative gemausert hat, dürften nun wieder abgeschreckt sein.
Die Wikipedia unterdessen profitiert von dem Vorfall. Mit Kommentaren wie “gegen Typen wie Heilmann … und für ein freies Netz”, “ein Tropfen gegen die Heilsmänner dieser Welt und für freies Wissen” oder auch “Nieder mit den Ost-Kommunisten!” gehen dieser Tage mehr Spenden ein denn je. Da kann die Online-Enzyklopädie dem Linken sogar dankbar sein – die Partei hingegen hat wegen eines Alleingangs ein gutes Stück Glaubwürdigkeit verloren.
Ergänzung: Offenbar ging es Heilmann in seinem Wikipedia-Eintrag unter anderem um die Äußerung, er habe einen Sexshop betrieben – seine Stasi-Vergangenheit spielt dabei scheinbar gar keine große Rolle. Das wirft natürlich ein anderes Licht auf Heilmann, doch die Kernaussage bleibt: Das hätte er geschickter und vermutlich auch weniger öffentlich regeln können.
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2 Kommentare zu “Die heile Welt des Lutz”
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18.11.2008 -
15:47 von Moritz Homann in
November 19th, 2008 at 22:54
So wenig ich mit der Linken sympathisiere: wieder einmal die typische Medienhetze, was allein ein Blick in die “Versionsgeschichte” des Wikipediaeintrages deutlich macht.
Der Mensch hat sich weniger gegen den Verweis auf seine Stasi-Vergangenheit gewehrt, als gegen die Behauptungen, er betreibe “in seinem Einfamilienhaus in Lübeck einen Onlinesexshop” und soll “einem ehemaligen Lebensgefährten nach der Trennung gedroht haben”.
Das ging natürlich in der Berichterstattung völlig unter… passt ja auch so unschön ins Klischee des friedvollen Web 2.0, das alles soviel schöner und besser und demokratischer macht.
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November 19th, 2008 at 23:12
Vielen Dank für die Anmerkung.
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