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Amerika hat gewählt

Geschrieben am 05.11.2008 - 21:51 von Moritz Homann in Politik.

US-Wahl 2008

Die Nacht zieht sich. Schon um Mitternacht breche ich die erste Dose Red Bull an, wenig später ist sie leer, Hochrechnungen gibt es noch keine. Bei der zweiten Dose beginnen sich die Karten in Fernsehen und Internet zu färben, mal eher rot, mal eher blau, die meisten gelb, “too close to call”. Erst liegt scheinbar McCain vorn, dann klar Obama, sicher ist jedoch noch gar nichts. Gegen drei Uhr zeichnet sich das Ergebnis langsam ab, um vier Uhr scheint Obama der Sieg schon sicher, um fünf Uhr morgens ist es beschlossene Sache: Barack Obama wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten.

Als die Stimmen der entscheidenden Bundesstaaten ausgezählt sind, geht ein Sturm der Begeisterung durch das Lager der Demokraten, durch die Menge an Obama-Anhängern, die sich in Chicago versammelt hat. Nach monatelangem, harten Wahlkampf sind sie endlich am Ziel. Obama tritt vor die Menschenmenge und hält seine Siegesrede, die zu diesem Zeitpunkt von der ARD leider simultan übersetzt wird, was bei einer Obama-Rede gar nicht geht.

Obama dankt seinen Wählern, seinem Mitstreiter Joe Biden, seiner Familie. Und findet wieder die Worte, mit denen er sein Publikum begeistert, es sind nur ungefähre Worte, doch das ist in dieser Nacht egal. Es scheint nicht von Bedeutung zu sein, was Obama sagt, allein die Art, wie er es sagt, reißt seine Zuhörer mit. Von Zeit zu Zeit muss man sich fast ins Gedächtnis rufen, dass hier gerade kein Kinofilm abläuft, sondern die Realität. Auch wenn ich fast sicher bin, dass seine Geschichte verfilmt werden wird, unter dem Titel “Barack”, oder “Obama”, oder auch “Change”.

Und natürlich geht es auch darum wieder, um den “Change”. Doch jetzt ist die Zeit vorbei, in der schöne Worte ausreichen, um zu überzeugen. Ab Januar muss er zeigen, wie der Wechsel aussehen wird, und zwar anhand von konkretem Handeln. In seinen Reden trifft Obama stets den richtigen Ton, kann er jedem Amerikaner versprechen, was er hören will, das wird künftig nicht mehr funktionieren. Die Menschen sind Feuer und Flamme, sie wollen Taten sehen, und wenn Obama jetzt die von ihm aufgebauten, hohen Erwartungen nicht erfüllen kann, wird die Enttäuschung groß sein.

Dabei wird es für den Demokraten alles andere als leicht. Kein Geld in den Kassen, Finanzkrise ohne absehbares Ende, zwei Kriege. “Wir schaffen es vielleicht nicht in einem Jahr, vielleicht nicht einmal in einer Legislaturperiode”, kündigt Obama schon in seiner Rede an. Seine Anhängerschaft jedoch glüht, ihren Helden endlich in Aktion zu sehen, auf internationalem Parkett, den Weg des Wechsels beschreitend.

Und es werden wohl auch unpopuläre Entscheidungen in seiner Regierungszeit fallen, die damals in Berlin bereits angekündigte Verstärkung der Truppen in Afghanistan beispielsweise, woran sich dann vielleicht auch Deutschland beteiligen müsste. Entscheidungen wie diese werden am Image des Messias kratzen, in Amerika und auch international. Obama darf jedoch nicht riskieren, dadurch die Bewegung zu verlieren, die er sich mühsam aufgebaut hat. Denn ohne sie ist er nur der 44. Präsident der USA, daran ändert dann auch seine dunkle Hautfarbe im Wesentlichen nichts.

Es ist großartig, dass er die Wahl gewonnen hat, es ist für Amerika die große Chance, den Wechsel einzuläuten, auch wenn dieser nicht so radikal ausfallen wird und gar nicht so radikal ausfallen kann, wie es jetzt offenbar viele von ihm erwarten. Und doch steht fest: Amerika hat einen jungen, schwarzen Demokraten zum Präsidenten gewählt, vor nicht allzu langer Zeit noch ein undenkbares Unterfangen. Es ist ein Tag, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Daher sollte man sich in diesen Tagen vielleicht noch gar keine zu großen Gedanken darüber machen, was kommen wird, sondern sich einfach freuen. Und sich ein Stück mitnehmen lassen von der Begeisterung, die längst auch nach Deutschland geschwappt ist. Von der Obamania.

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