Ypsilanti, die machtgeile Kommunistin

Was musste Andrea Ypsilanti über sich ergehen lassen in den letzten Wochen und Monaten. “Tricksilanti” hat man sie genannt, “Lügenlanti”, die “Machtgeile”, von Ypsilantis “Machtpoker” war die Rede, sie wolle die Regierung “an sich reißen”. Und das alles nur, weil sie versucht hat, in Hessen eine Regierung auf die Beine zu stellen, ein urdemokratisches Anliegen. Nun liegt die SPD in Hessen in Scherben, was auch seine Auswirkungen auf die Bundes-SPD haben wird. Doch das Hessen-Drama bringt nicht nur Verlierer hervor – es gibt auch Sieger. Einer von ihnen heißt Spiegel Online.
Einen Tag vor der geplanten Abstimmung, vor der geplanten Wahl Ypsilantis zur hessischen Ministerpräsident, fällt es ihnen auf. Den vier Abgeordneten der Hessen-SPD fällt auf, dass ihre Partei gerade dabei ist, ein rot-grünes Bündnis unter Tolerierung der Linkspartei einzugehen. Niemand weiß, was die vier vorher gemacht haben, nun scheinen sie allerdings den Fernseher eingeschaltet oder die Zeitung zur Hand genommen zu haben und festzustellen: Huch, das mit der Linkspartei, das finden wir aber nicht so gut. Nun stellen sie sich hin, sehen aus wie Helden, hessische Helden, einer sieht hinterhältiger aus als der andere. Jürgen Walter spricht davon, dass er “mit sich im Reinen sei”, immerhin, er ist einer derjenigen, der seine Meinung schon vorher bekundet hat.
Sogar Müntefering findet nicht ganz in Ordnung, was die vier Kollegen in Hessen da abziehen, auch wenn er insgeheim heilfroh sein dürfte, dass es nicht zum Bündnis mit Hilfe der Linkspartei gekommen ist. Schließlich gilt noch immer: Eigentlich will die SPD gar nicht regieren, und wenn, dann mit der CDU zusammen, da ist man sich inhaltlich sowieso viel näher. Am Ende müssten die Genossen noch damit beginnen, irgendwelche sozialdemokratischen Positionen umzusetzen, und das kann ja nun wirklich nicht sein.
Auf Spiegel Online erklärt ein Video die neue Situation in Hessen. Ypsilanti ist zu sehen, Müntefering, die vier Abweichler, alles sachlich-nüchtern. Doch kein Spon-Video ohne Propaganda. Laut Off-Stimme berufen sich die vier Nein-Sager “auch auf die Stimmung in der Bevölkerung”. Und weiter: “Laut Umfragen wollen laut 70 Prozent der Befragten in Hessen keinen Pakt mit den Linken”.
Diese Umfrage ist in der Tat in mehreren Medienberichten zu finden. Allerdings kein Wort darüber, wer diese Umfrage durchgeführt hat und wie viele Menschen befragt wurden. Und selbst wenn – nehmen wir einmal an, die Hälfte der Hessen sind CDU- und FDP-Wähler. Logisch, dass sie keinen Pakt mit der Linken wollen. Aber da es um eine Befragung der Bevölkerung Hessens geht, sind sie ebenso mit dabei, wie die Wähler der Parteien, die das Regierungsbündnis bilden sollen. Mal angeommen, unter den Befragten waren wirklich 50 Prozent CDU-/FDP-Wähler, wären es unter den SPD-/Grüne-/Linke-Wählern lediglich 40 Prozent, die einen Pakt mit der Linken ablehnen. Man dreht sich die Zahlen eben so hin, wie es passt. Und andererseits: 80 Prozent der Deutschen wollen ja auch keinen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Das interessiert auch niemanden.
Weiter heißt es im Off: “Der Kurs von Ypsilanti ist für viele Menschen schlicht Betrug”. Und dann sieht man auch die vielen Menschen, von denen die Rede ist. Ach nein, eigentlich sieht man nur einen Menschen. Na gut, sagen wir zwei. Leider verlieren deren Aussagen unheimlich an Authentizität, wenn man sie nur zitiert, daher sei jedem das Anschauen des Videos ab 02:06 Minuten empfohlen.
Die Linken werden als Kommunisten beschimpft, das kennen wir schon. Am Ende wird auch noch Ypsilanti als Kommunistin bezeichnet, wieso auch nicht, wenn wir schonmal dabei sind. Eigentlich sind doch alle links von der CDU Kommunisten. Und “machtgeil” ist sie natürlich, eine “machtgeile Kommunistin”, “hoffentlich fällt sie durch”, sagt die alte Frau, am Ende kommen ihr fast die Tränen. Dem geneigten Zuschauer könnten auch die Tränen kommen, die Tränen vor Lachen.
Doch eigentlich ist es ja nicht zum Lachen. Bürgerbefragungen sind ein beliebtes Mittel, um Videos aufzupeppen und ihnen den gewissen Anteil Bürgernähe und Echtheit zu geben. Dabei versucht man meist, ein möglichst breitgefächertes Meinungsbild einzuholen. Sprich: Man befragt mehr als zwei Leute, vor allem, wenn diese dann offenbar auch noch ein Paar sind. Wobei man das Spiegel Online vermutlich gar nicht ankreiden kann – es sollte einen doch wundern, wenn das Spon-Video-Team auf die Straße geht und direkt und als einzige Bürger zwei Hessen finden, die Ypsilanti bereitwillig als machtgeile Kommunistin diskreditieren. Nein, hier dürften mehr Interviews geführt worden sein. Aber wen interessiert die Meinung der Bevölkerung? Hier zählt nur die Meinung von Spiegel Online.
Also, was haben wir? Eine Umfrage ohne Quelle, die sich bei näherem Hinsehen als äußerst tendenziös herausstellt, die Ankündigung von “vielen Menschen, die den Ypsilanti-Kurs für Betrug halten” und anschließend genau eine Meinung. Man sollte mit Unterstellungen vorsichtig sein. Schließlich wäre auch möglich, dass Spiegel Online für dieses Video tatsächlich ein Dutzend Menschen befragt hat, die alle Ypsilanti als machtgeile Kommunistin bezeichnet haben und Spon daher entschieden hat, dass eine Meinung im Video reicht. Aber mal ehrlich: Wenn dem so ist, gewinnt die SPD im nächsten Jahr die Bundestagswahl. Soll heißen: Nie im Leben.
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2 Kommentare zu “Ypsilanti, die machtgeile Kommunistin”
Dieses Kommentarsystem unterstützt Gravatars. Mach' dir deinen eigenen!
03.11.2008 -
21:12 von Moritz Homann in
November 4th, 2008 at 12:35
[...] – Kehraus im TollhausSpiegelfechter – Der Dolchstoß der vier RenegatenMoritz – Ypsilanti, die machtgeile KommunistinStern – Die SPD-Versager sitzen in BerlinNachDenkSeiten – Ende mit Schrecken – Schrecken ohne [...]
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November 5th, 2008 at 00:37
[...] 70 Prozent der Hessen ein Bündnis aus Rot-Rot-Grün ablehnen. Auf diese Umfrage bin ich schon kurz in meinem Beitrag von gestern eingegangen. Nun ist auch Schoensinn diese Umfrage aufgefallen und er hat einmal beim Insitut [...]
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