Der Tag wird gut

“Du, ähm, Moritz?”, fragt mich mein Kollege vorsichtig. “Was denn?”, entgegne ich gereizt, seit nunmehr 12 Stunden auf den Beinen, und doch nie wirklich wach gewesen. “Ich hab da auf nen Clip doppelgeklickt und jetz is das Programm zu”, sagt der Kollege. “Nich dein Ernst, oder?”, frage ich. “Hast du vorher gespeichert?” – “Ja, hab ich…”, antwortet er, “…irgendwann.”
Um 8:57 Uhr wache ich an diesem Morgen auf. Normalerweise weckt mich derzeit mein Wecker, jeden Tag um acht Uhr. So hätte er das auch heute tun sollen. Doch irgendwie war er nicht gestellt. Mag an dem Wodka Lemon vom Vorabend liegen, wer weiß das schon. Jedenfalls muss ich in 40 Minuten für ein Video in Maulbronn sein.
Panisch stehe ich auf, ziehe mich an, nehme im Vorbeigehen eine halbe Banane mit und mache mich auf den Weg in die Redaktion. Dort wartet bereits mein Kameramann, der irgendwo irgendwie seinen Geldbeutel liegen hat lassen, aber dafür bleibt jetzt keine Zeit. Kurzer, routinemäßiger Check des Video-Equipments. “Das Mikro funktioniert nicht”, stelle ich fest. Beide Akkus sind fast leer. Aber fürs Laden bleibt keine Zeit.
Wir greifen uns ein Redaktionsauto und fahren los, Richtung Maulbronn. Nach einigen hundert Metern leuchtet die Tankanzeige gelb auf. “Scheiße”, denke ich, “Fuck”, sage ich. Wir fahren eine Tankstelle an, das Auto scheint ein Diesel zu sein, keine Ahnung auf welcher Seite der Tankdeckel ist, egal, wird schon irgendwie passen. Mit 40 Litern mehr im Tank und gut 50 Euro weniger im Geldbeutel geht es weiter. Inzwischen ist es halb 10.
Eine Viertelstunde zu spät kommen wir in Maulbronn an. Auf dem Klosterhof soll eine Szene für einen Kinofilm gedreht werden, und wir drehen etwas über die, die da drehen. Als wir zum Set kommen, sind da etwa 200 Leute, Schauspieler, Statisten, Kameramänner, Presseleute, Aufnahmeleiter und was sonst noch alles dazugehört. Es gibt eine Pressetante, deren Name ich nach einigen Sekunden schon wieder vergessen habe. Sie sagt, dass wir uns nur hier und dort bewegen dürfen, um die Dreharbeiten nicht zu stören. Unser Bewegungsraum beschränkt sich auf etwa 30 Quadrameter.
“Laufen Sie da bitte nicht so umher”, rügt uns eine Frau, nachdem wir ein paar Einstellungen gefilmt haben. “Hier, das ist meine Kamerafrau (Name vergessen), an die können Sie sich halten. Und hier ist noch jemand (Name vergessen), an den können Sie sich auch halten, er führt die Presseleute rum.” Tut das nicht die Pressetante? Nunja, egal. Eigentlich geht es uns sowieso nur um die Statisten aus der Region, die hier mitspielen. Und die sitzen offenbar alle noch in der Komparserie. “Dürfen wir da rein?”, frage ich den Menschen, der die Presseleute rumführt. “Klar”, sagt er.
Wir betreten die Komparserie. Hier sitzen noch einmal etwa hundert Menschen, in den verschiedensten mittelalterlichen Kostümen. An einem Tisch am Anfang des Raumes stehen zwei Frauen, die irgendetwas mit der Organisation zu tun haben scheinen. Ich sage den beiden, wer wir sind und von welcher Zeitung wir kommen. “Sind Sie angemeldet?”, fragt sie. “Ich bin froh, anwesend und angezogen zu sein”, denke ich, sage aber: “Ich glaube nicht, nein”. “Dann warten Sie bitte draußen, ist gerade ganz schlecht”, sagt sie. Und so stehen wir wieder draußen.
Da kommt eine junge Frau mit Cordhose, Wanderstiefeln, Weste und Baseballcap mit angehefteten Buttons auf uns zu. “Darf ich Sie bitten, hier nicht überall herumzulaufen?”, fragt sie und meint: “Was gibt euch das Recht, hierzu sein, ihr Vollidioten?”. Freundlich entgegne ich, dass wir unsere sämtlichen Bewegungsabläufe mit der Pressetante, der Kamerafrau und dem Mann mit der blauen Mütze, der hier die Presseleute rumführt, abgesprochen haben. “Ja, der hat hier aber gar nix zu sagen”, lässt mich die Frau wissen, bevor sie wieder davonrauscht, offenbar zu wichtigeren Aufgaben. Etwas verdutzt bleiben wir stehen. “Assistentin der Aufnahmeleitung”, raunt mir jemand ins Ohr. Es ist der Mann mit der blauen Mütze, der hier die Presseleute rumführt. “Das sind die schlimmsten”, fügt er hinzu. “Ist die hier die Chefin?”, frage ich. Er lacht. “Davon ist die hier aber meilenweit entfernt.”
Inzwischen sind die Statisten aus ihrem Aufenthaltsraum gekommen und beginnen, am Set Position einzunehmen. Eigentlich wollten wir die doch befragen. “Wissen Sie, wann die Komparsen Pause haben?”, frage ich die Frau mit den Buttons an der Baseballcap, die Assistentin der Aufnahmeleitung ist und doch nichts zu sagen hat. “In zweieinhalb Stunden”, sagt sie und bekräftigt mich in dem Entschluss, über den Filmdreh hier ein eher kürzeres Video zu produzieren. “Du, der Kamera-Akku ist leer”, teilt mir mein Kameramann mit und macht den Entschluss perfekt.
Um halb 12 sind wir zurück in der Redaktion. “Wie wars?”, fragen die Kollegen, “Scheiße”, entgegne ich wahrheitsgetreu, gehe zum Bäcker und hole mein Frühstück nach. Wieder in der Redaktion, merke ich so langsam, dass mir ein wenig Schlaf fehlt. Eigentlich soll ich über PC-Schädlinge recherchieren, aber so wird das nichts. Mir fällt ein, dass ich eigentlich noch einen Pulli brauche, melde mich aus der Redaktion ab, gehe in eine nahegelegene Einkaufsgalerie, betrete eine exquisite Boutique namens “Hennes & Mauritz”, kaufe drei Pullis und einen Schal und begebe mich zurück in die Redaktion.
Gegen später ruft mich der Virenanalyst einer Softwarefirma zurück. Während sich am gegenüberliegenden Rechner zwei freie Mitarbeiter und ein Praktikant über irgendein Video lautstark amüsieren, versuche ich, mich auf Handywürmer und Viren in RFID-Chips zu konzentrieren, was mir nur zum Teil gelingt. Nach einer halben Stunde und zufriedenstellenden Ergebnissen lege ich auf und versuche, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen. Ein Versuch, der fehlschlägt.
Am Abend wird es langsam ruhiger. Draußen ist es schon dunkel, das Wichtigste ist erledigt, fehlt nur noch ein Video, die neueste Folge einer Sportserie, an dem ein Kollege von mir schneidet, zusammen mit einem weiteren Kollegen, dem Protagonisten der Serie. Als er beinahe fertig ist, stürzt das Programm ab. Gespeichert hat er das letzte Mal eine halbe Stunde zuvor. Die Kollegen fluchen. Es ist inzwischen 21:15 Uhr. Ich starte das Programm erneut, rufe das Projekt auf, vervollständige im Eiltempo den Schnitt des Kollegen. Um 21:47 Uhr klicke ich auf “Exportieren”. “Rauchen wir jetzt eine?”, frage ich. Eigentlich bin ich kein Raucher. Aber Scheißtage erfordern Scheißmaßnahmen.
Zehn Minuten und eine Zigarette später kehren wir in die Redaktion zurück, das Video ist fertig. Ich beende die Programme, fahre den Rechner herunter und sinke in meinen Bürostuhl. Endlich alles fertig, inklusive mir selbst. Mit einem leichten Rumms stellt einer der beiden Kollegen einen Kasten neben meinen Stuhl. “Dafür, dass du schon wieder so lange machen musstest”, sagt er. Der Kasten ist rot-weiß, “Früh Kölsch” steht darauf. 24 Flaschen, alle randvoll mit einer der besten Kölsch-Sorten, die es gibt. “Wahnsinn”, sage ich und nehme eine Flasche heraus. Sie ist gekühlt. “So schlecht war der Tag doch gar nicht”, denke ich. Eigentlich hätte ich jetzt ein Kölsch verdient. Doch ich stelle die Flasche wieder zurück in den Kasten. Wer weiß, was noch für Tage kommen.
Trackback
Permanent Link
Ein Kommentar zu “Der Tag wird gut”
Dieses Kommentarsystem unterstützt Gravatars. Mach' dir deinen eigenen!
30.10.2008 -
23:43 von Moritz Homann in
October 31st, 2008 at 06:42
Mann Mann Mann, das kommt mir irgendwie extrm bekannt vor. Grüße aus der Radiowelt an die Schreibende Zunft.
Diesen Beitrag zitieren