Vom Qualitätsmedium zum Profitbetrieb

Wie die derzeitige Situation der deutschen Online-Medien aussieht, darüber hat sich Stefan Niggemeier Gedanken gemacht und diese in einen langen Vortrag für die DJV-Konferenz “Besser online” gepackt. Seine Hauptthese: “Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.” Da ich als Lokal-Onlinejournalist zu der Zunft gehöre, der er in diesem Vortrag auch einen gewissen Platz einräumt, will ich mich kurz zu seinen Gedanken äußern.
Onlinejournalismus ist für die allermeisten Verlage derzeit ein Verlustgeschäft, insbesondere für die regionalen, so auch für die Zeitung, für die ich arbeite. Allein diese Tatsache dürfte zahlreiche Verleger daran hindern, in dieses Verlustgeschäft noch mehr Geld zu stecken. Die meisten haben erkannt: Online ist die Zukunft, oder gar schon die Gegenwart, wie Niggemeier schreibt. Doch die Bereitschaft, dieser Zukunft/Gegenwart die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, fehlt.
Ich selbst kann mich dabei sehr glücklich schätzen. In meinem Verlag hat man erkannt, dass es ohne Online künftig nicht geht. Wir haben einen umfassenden Relaunch vollzogen, sind mit den wichtigsten Gerätschaften ausgestattet, zwar hoffnungslos überarbeitet, für die vergleichsweise knappe Personalsituation (die Onlineredaktion bildet etwa 10% der Gesamtredaktion) aber kann sich unser Auftritt sehen lassen, denke ich. Wir produzieren im Gegensatz zu einigen anderen regional orientierten Nachrichtenportalen “richtige” Videobeiträge. Nichtsdestotrotz könnte man natürlich viel mehr machen. Wir haben keine Kräfte, die bei uns die neuesten Paris-Hilton-Meldungen reinstellen und mit einer 30-teiligen Fotostrecke versehen. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so.
Wer Niggemeiers Vortrag liest, bekommt einen ernüchternden Eindruck vom deutschen Online-Journalismus. Und das Schlimmste ist: In großen Teilen hat er völlig Recht. Während bei der gedruckten Zeitung immer noch Qualität das oberste Credo ist, heißt es im Internet: Klicks, Klicks, Klicks.
Wenn ich ehrlich bin, ist das sogar eine der häufigsten Phrasen, die bei uns in der Online-Redaktion fällt: Klicks, Klicks, Klicks. Allerdings muss das nicht zwingend zum Qualitätsverlust werden, auch wenn es bei vielen Onlinemedien ganz danach aussieht. Es ist eine Gratwanderung: Das Produkt muss einerseits interessant sein und Besucher anziehen, andererseits darf es seine Qualität und letztendlich seinen Auftrag nicht vernachlässigen.
Als Onlinemedium sind wir streng genommen dem deutschlandweiten Wettbewerb ausgesetzt. Wenn Spiegel Online seine Eva-Mendes-Meldung nur mit “Sex-Skandal bei US-Schauspielerin” betitelt, wir aber schreiben “Eva Mendes hatte Sex in 50 Bundesstaaten”, kommen die Googler zu uns. Vielleicht können wir wirklich von Glück sagen, dass wir als quasi rein regionales Online-Medium uns nicht auf diesen fragwürdigen Wettbewerb einlassen müssen.
Bei Onlinemedien ist die Aufmachung ungleich wichtiger als in Printmedien. Wenn ich einem mäßig interessanten Artikel eine spannende Überschrift und einen interessanten Vorspann gebe, klicken ihn vielleicht doppelt so viele Besucher an. Vielleicht lesen ihn dann auch in der Zeitung doppelt so viele Menschen. Davon kann sich der Verlag aber nichts kaufen. Höchstens vielleicht nach drei Wochen, wenn dem Leser auffällt, dass die Zeitung neuerdings viel interessanter ist und er seinem Nachbarn empfiehlt, sie auch zu abonnieren.
Widersprechen möchte ich folgender These: “Online-Journalisten müssen nicht schreiben können.” Es steht außer Frage, dass einige Online-Texte schlechter sind als die der gedruckten Zeitung. Die Texte auf RP Online, die laut Niggemeier wirken, “als hätte eine achtjährige Legasthenikerin sie direkt ins System gestellt”, sind in der Tat grauenhaft und hoffentlich in dieser Form einzigartig. Sonst kann man aber den Online-Journalisten, auch wenn sich teilweise Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler häufen, nicht pauschal vorwerfen, nicht schreiben zu können. Wohingegen die These “Redigieren und Korrigieren ist optional” durchaus ihre Daseinsberechtigung hat. Bei uns werden selbst verfasste Texte zwar in aller Regel noch einmal vom Kollegen gelesen. Manchmal muss es aber auch so schnell gehen, dass dafür keine Zeit bleibt. Und schließlich lässt sich notfalls hinterher noch alles verbessern – im Gegensatz zum Printmedium.
Kommen wir zur nächsten These: “Jedes Medium wird im Internet zum Boulevard-Medium”. Auch wir müssen uns diesen Vorwurf hin und wieder anhören, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass boulevardeske Themen im Internet grundsätzlich besser laufen als der Parteitag der Landes-CDU. Unfälle, Katastrophen, Sex, Skandale, das wird geklickt. Bei uns lässt sich daher beides finden – der regionale Boulevard und die wenig klickträchtige Stadtpolitik. Wir sind im Vorteil, keinen regionalen Mitbewerber zu haben – wenn es einen Putsch gegen den Oberbürgermeister gibt, sind wir die einzigen, die das online vermelden. Und doch müssen wir diese Nachricht dann klickträchtig aufbereiten – schließlich sind zu einem großen Teil die Klicks und Visits das Maß, an dem unser Erfolg gemessen wird. Dass diese Messung suboptimal ist, steht außer Frage.
Doch diese Boulevardisierung und das Rennen um die Klicks muss nicht zwangsweise diese These bedingen: “Klicks gehen immer vor Qualität”. Das ist eine Entscheidung des jeweiligen Mediums. Natürlich spitzen wir Meldungen zu, machen interessante Überschriften, verlinken zu anderen Artikeln, wo es nur geht. Doch darunter leidet die Qualität nicht. Wenn bei uns Texte wie auf RP Online stünden, könnten wir uns früher oder später auf eine Unterredung mit dem Chefredakteur einstellen.
Online-Journalismus ist eine Gratwanderung, die auch wir jeden Tag aufs Neue bestreiten. Die richtige Balance finden zwischen spannender und klickträchtiger Aufmachung einerseits und Wahrung von Qualität und Vermittlungsauftrag andererseits ist nicht eben leicht. Und niemand wagt zu bestreiten, dass einige Onlinemedien mit “In-diesen-Bundesstaaten-hatte-Eva-Mendes-Sex”-Klickstrecken und auf die Schnelle zusammengebastelten Texten wie auf RP Online die Balance verloren haben.
Dennoch hoffe ich darauf, wie auch Niggemeier gegen Ende seines Vortrags, dass sich die Balance bald wieder einstellen wird. Es wird eine Verschiebung der Werbeeinnahmen geben, für Onlinejournalismus dürfte künftig mehr Geld da sein. Das ändert nichts daran, dass Klicks auch in Zukunft eine Rolle spielen. Aber diejenigen Onlinemedien, die konsequent auf mangelnde Qualität zugunsten von Profitmaximierung setzen, werden von ihren Besuchern über kurz oder lang abgestraft werden. Auch wenn ich Blogs sehr schätze, brauchen wir gut gemachte und qualitativ hochwertige Onlinemedien. Heute mehr denn je. Und deshalb begebe ich mich jetzt auch mal in die Redaktion. Zur Gratwanderung. Auf dass sie auch heute gelinge.
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Ein Kommentar zu “Vom Qualitätsmedium zum Profitbetrieb”
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20.10.2008 -
10:45 von Moritz Homann in
October 24th, 2008 at 00:26
Hi!
Ich melde mich auch mal wieder
Da das das eines meiner Liebligsthemen ist, wenn es um das WWW geht, werd ich mal meine Meinung dazu schreiben.
Ich denke, dass das Web im allgemeinen an Qualität verloren hat. Ursprünglich war es da, um Informationen zu verbreiten. Dies wurde immer verfeinert und verbessert, bis es ansprechende Seiten gab wie beispielsweise spiegel.de und andere.
Aber mit der Entwicklung von Blogs und Social Networking und wie sie auch heißen mögen, die ganzen “tollen” Web-2.0-Technologien, konnte plötzlich jeder seine Inhalte online stellen.
Sucht man jetzt etwas über Suchmaschinen, stolpert man alle Nase lang über subjektive Blogs, die zwar das gewünschte mehr oder weniger gut wiedergeben, aber letztlich meistens eher unvollständig oder falsch sind.
Zudem kommen die ganzen privaten Inhalte, die nur eine sehr kleine Gruppe an Personen interessieren.
Und es sollte vielleicht auch keinen interessieren – aber was und in welchem Maß man Informationen im Internet heraus gibt, oder wie diesbezüglich desensibilisiert wird, ist ein anderes Thema.
Was ich im Kern sagen will ist, dass dieser ganze Social-Networking-Hype nicht langfristig bestehen kann. Jemand, der in einem 2-Seiten Tutorial PHP “gelernt” hat, will seine eigene Community aufbauen. Dass das schief geht, ist klar. Aber auch die Projekte von alteingesessenen Programmierern gehen schief. Denn es ist zu beobachten dass viele Seiten auf der Basis entstehen: “Naja, die User werden den Inhalt schon bringen”. Und so setzt man eine Community auf, mit tollen Funktionen. Und wartet, dass Leute kommen und anfangen, Inhalt zu *erarbeiten*.
Aber da kann man lange warten, denn es braucht etwas, um die Leute anzulocken – und das ist und bleibt Inhalt. Im Endeffekt kommen ein paar hundert weitere Website-Leichen ins Netz.
In sofern denke ich, kann man beruhigt sein. Früher oder später wird auch der letzte merken, dass man in Zukunft wieder auf qualitativen, redaktionellen Inhalt setzen muss.
mfg oko
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