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Revolution der Bücher

Geschrieben am 19.10.2008 - 10:31 von Moritz Homann in Medien, Technik.

Bücher

Eigentlich gibt es das E-Book ja schon lange. Und doch konnte es sich bisher nicht so wirklich durchsetzen – aufgrund mangelnden Angebots, mangelnden Lesegeräten und vielleicht auch mangelnder Bereitschaft der Leser. Doch das soll sich jetzt ändern. Das Buch ist zur Revolution bereit.

Schon seit Ende letzten Jahres ist in den USA ein Gerät erhältlich, das auch in Deutschland immer mehr Aufmerkamkeit bekommt: Der Amazon Kindle. Ein E-Book-Reader – ein Gerät, das zukünftig das klassische Buch ersetzen soll. Aber kann es das?

Über den Kindle wird deshalb so viel berichtet, weil er nicht nur die Möglichkeit bietet, digitale Bücher zu lesen. Er kann sich per Drahtlos-Schnittstelle mit dem Whispernet verbinden und hat darüber Zugriff auf den Amazon-Store, der für den Kindle rund 17.000 E-Books, einige E-Papers und Blogs bereithält. Gegen Bezahlung, versteht sich – wobei das digitale Buch dank entfallender Produktionskosten billiger ist als das klassische.

Das soll also in etwa so funktionieren wie der WiFi-iPod samt iTunes-Store: Nicht nur Musik, sondern auch Bücher soll ich mir künftig jederzeit auf mein mobiles Lesegerät laden können. Dabei dürfte das mit dem Kindle sogar erheblich besser funktionieren als bei der mobilen Musiksammlung: Im Gegensatz zum iPod ist kein WLan-Netzwerk nötig, nur das Whispernet muss verfügbar sein. Das soll in den Ballungsräumen der USA allerdings kein Problem sein. Ein Buch soll sich innerhalb einer Minute auf den Kindle herunterladen lassen können.

Auf das Gerät passen etwa 200 Bücher, wobei der Speicher mit SD-Karten erweiterbar ist. Das Display setzt auf die E-Ink-Technologie. Das heißt, es gibt keine Hintergrundbeleuchtung, das Display soll dem Druckbild eines Buches sehr nahe kommen und auch die Augen sollen im Gegensatz zu normalen Laptop-/PDA-/Handy-Displays geschont werden. Eine Schönheit ist das Gerät allerdings nicht gerade, das Umblättern funktioniert mit klobigen Tasten, die auf der linken und rechten Seite angebracht sind, es dauert einen Moment, bis die Seite umgeblättert ist.

Doch es geht gar nicht um die einzelnen Stärken und Schwächen des Kindles oder irgendeines anderen E-Book-Readers. Es geht um die Systemfrage. Wird das Buch sterben?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man hat immer mehr oder weniger die komplette Buchsammlung dabei, die sich jederzeit um den neuesten Bestseller erweitern lässt. Und egal, wie groß die mobile Bibliothek auch sein mag – sie wiegt nie mehr als 300 Gramm und ist kaum größer als ein Taschenbuch. Alle Bücher lassen sich auf Schlagworte durchsuchen, Lesezeichen werden automatisch gespeichert, unbekannte Worte können in der Wikipedia nachgeschlagen werden. Wer keine Probleme mit dem ungewöhnlichen Layout hat, kann sich sogar jeden Morgen die Lieblingszeitung auf das Gerät laden – oder gleich die bevorzugten Blogs. Der Akku reicht, um mehrere tausend Mal umzublättern. Schüler müssen nicht mehr Mathe-, Physik- und Biologie-Buch mit sich herumtragen, der Kindle reicht völlig aus. “Die Leiden des jungen Werther” und “Nathan der Weise” schickt die Deutschlehrerin einfach als Datei an den ganzen Kurs.

Tja, und die Nachteile? Ich bin normalerweise immer für technischen Fortschritt, aber hier bleibt doch ein wenig Skepsis. Bei der Musik wurde aus Schallplatte die CD, aus der CD die Mp3. Beim Film wurde aus der VHS die DVD, nun kommen Blu-Ray und HD-DVD. Und jetzt soll aus ganzen Bibliotheken ein Gerät werden, das in jede Tasche passt.

Das Buch ist aber nicht nur ein Medium. Es ist gleichwohl ein Schmuckobjekt. Gute und schöne Bücher stellt man sich gerne als Aushängeschild ins Regal. Jedes Buch ist anders, schon durch seinen Umschlag, durch die Bindung, durch das Papier. Das soll künftig wegfallen. Jedes Buch ist dieselbe, kalte, emotionslose Datei, ewig reproduzierbar. In der Bahn lesen die Menschen nicht mehr “Harry Potter”, “Die Vermessung der Welt” oder “Feuchtgebiete”. Alle lesen Kindle.

Statt dem klassischen Buch als Weihnachtsgeschenk gibt es künftig Gutscheine für den Kindle-Store. Das haptische Erfolgserlebnis, dass während des Lesefortschritts der vordere Teil des Buches zunimmt und der hintere ab, entfällt. Eine nüchterne Anzeige sagt: “Seite 45 von 235″. Aus dem bunten, abwechslungsreichen Bücherregal wird eine monochrome Pixel-Auflistung. Ob und wie das Ausleihen von Büchern untereinander funktioniert, weiß niemand.

Und doch, bei der Musik erleben wir gerade genau diese digitale Revolution. Junge Menschen kaufen keine CDs mehr, sondern Dateien im Online-Store. Das haptische Erlebnis einer CD mit Cover und Booklet entfällt weitgehend. Wobei die CD als Geschenk noch nicht tot ist. Sie hat allerdings den Vorteil, dass sie sich digitalisieren und auf den Mp3-Player laden lässt. Das funktioniert mit dem Buch nicht. Da heißt es: Entweder oder.

Und damit bleibt die Frage, wie die Zukunft des Buchs künftig aussehen wird. Werden Abhandlungen über Staatstheorien und Politiker-Biografien als klassische Bücher gekauft und ins Regal gestellt, während man “Fucking Berlin” und das neueste Bohlen-Buch auf den Kindle lädt? Werden die Menschen beim klassischen Buch bleiben, vollständig auf das digitale umsteigen oder wird es zur Kombination aus beidem kommen?

Das digitale Buch ist jedenfalls im Kommen, und es wird auch in Deutschland einen großen Absatz finden. Und es wird auch dem klassischen Buchhandel Umsatzeinbußen bescheren. Dass die digitale Revolution allerdings zum Massensterben der Buchhandlungen führt, wage ich zu bezweifeln. Dennoch: Ein Stück Kultur stirbt. Ein neuer wird geboren. Zum ersten Mal beim technischen Fortschritt bedauere ich das ein Stück weit. Vielleicht werde ich alt.

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