Dem Peer ist nichts zu schwer

“Diesen Banditen, den müsste man ins Gefängnis stecken!”, wettert ein älterer Mann. “Und ihm alles wegnehmen, was er hat. Wie hieß der…Funke oder wat”, fügt er grimmig hinzu. Offenbar meint er Georg Funke, mittlerweile ehemaliger Chef der Hypo Real Estate. Die Finanzkrise zieht ihre Kreise, und inzwischen sind sogar in Provinzstädten wie Pforzheim die Menschen verunsichert.
“Ich habe selbst erlebt, wie auf der Sparkasse am Nebenschalter die Leute eine Menge Kohle abgehoben haben”, erzählt eine Frau. Bank run in der Goldstadt? Der ganz große Run ist offenbar bisher ausgeblieben, und doch herrscht Unsicherheit. “Ich glaube, dass die Spitze des Eisberges noch nicht erreicht ist”, sagt ein Mann, Mitte fünfzig, mit Brille. Er dürfte Recht behalten.
Die Banken in der Vertrauenskrise, die Aktienkurse trotz breit angelegter Leitzinssenkungen im freien Fall, die Politiker um eine vernünftige Lösung bemüht. Von einem auf den anderen Tag knallt der gesamte wuchernde Finanzmarkt samt Subprime-Krediten und Hedgefonds auf die Straße, die umstehenden Banker und Politiker nehmen verdutzt die neoliberale Brille ab, reiben sich die Äuglein, glotzen verdutzt auf das Gebilde vor sich und schauen, als hätte ihnen jemand erzählt, den Weihnachtsmann gebe es in echt gar nicht.
Aber wir haben Glück in Deutschland. Wir haben ein vernünftiges Krisenmanagement, allen voran bestehend aus Angela Merkel und Peer Steinbrück, die schonmal für alle Spareinlagen einstehen, auch wenn die mit 1.000 Milliarden Euro alles sprengen, was dem Bund in diesen Tagen an finanziellen Mitteln zur Verfügung stehen dürfte. Aber es geht ja um Vertrauen. Und vielleicht geht es auch den Medien um Vertrauen, wenn sie von Steinbrück als “kühl, knapp, kontrolliert” schreiben, ihn als “Kenner seines Fachs” bezeichnen, ihn lobpreisen als hätte er nur darauf gewartet, uns aus dieser Krise zu führen.
Und ja, er hat es immer gewusst. Hat er nicht schon immer gesagt “Hey Leute, lasst uns mal diese Finanzmärkte da regulieren, das ist mir irgendwie nicht geheuer”? Ach nein, hat er ja gar nicht. Er fand das eigentlich gar nicht so schlecht, so mit Hedgefonds, freiem Markt und so, wie in den USA. Und überhaupt, hat die Krise auf Deutschland überhaupt Auswirkungen? Jetzt irgendwie schon, ja. Aber vor ein paar Wochen? Da war das doch eine rein amerikanische Geschichte.
Jetzt aber ist Peer der Krisenmanager, der uns durch die raueste See sicher in den Hafen schippert. Wer die Artikel des Tagesspiegel und der Zeit unter dem Vorgedanken liest, dass die Texte auch aus einer Peer-Steinbrück-Werbebroschüre stammen könnten, versteht. Wenn mir ein Praktikant einen solchen Text vorgelegt hätte, hätte ich wohl die ein oder andere Stelle angestrichen und “PR ?!” daruntergschrieben. Allein die Tatsache, wieviele Sätze mit “Er weiß, dass” beginnen.
Aber was juckt uns Peer Steinbrück. Eigentlich sind sogar wir Schuld, wir alle, wie wir uns die riskanten Produkte haben aufschwatzen lassen. Wir hätten nachfragen müssen: “Sagen Sie mal, ‘Lehman’, ist das wirklich gut? Zeigen Sie mir mal die Papiere genau, ich glaube, die sind in diesem Subprime-Geschäft mit drin, das gibt eine riesige Spekulationsblase, und wenn die platzt, dann sind meine Papiere mit 0,00 Euro bewertet. Nene, da legen Sie das mal lieber aufs Tagegeldkonto.” So hätten wir reagieren müssen. Schließlich sind Bank-Berater nicht dazu da, uns irgendwie kompetent zu beraten. Eigenverantwortung ist gefragt.
Dabei ist die öffentliche Meinung ansonsten so einstimmig wie schon lange nicht mehr: Es braucht mehr Kontrolle. Ein paar verwegene Liberalromantiker warnen davor, es mit der Regulierung jetzt nicht zu übertreiben, ansonsten fordert rechts wie links mehr Aufsicht, mehr Staat, weniger Spekulation. Nur die Verstaatlichung, das ist noch nicht so ganz in Ordnung, so weit sind wir noch nicht, während England und USA, die Wiegenplätze des Liberalismus, schon damit beginnen. Bei uns dagegen gilt: Mit Steuergeldern geradestehen, ok. Aber dass der Steuerzahler auch noch was davon hat, so weit wollen wir noch nicht gehen.
Um nun nochmal auf den Peer zurückzukommen: Der hat jetzt beschlossen, die Bahn doch nicht mehr noch dieses Jahr zu privatisieren, wegen der Finanzkrise. Durchaus vernünftig. Wenn schon verscherbeln, dann wenigstens zu einem unangemessenen statt zu einem verdammt unangemessenen Preis. Da könnten wieder einige Lobeshymnen auf den Krisen-, Bahn- und Deutschland-Manager Peer gesungen werden.
Aber mal ehrlich, so langsam wird die ganze Geschichte doch ermüdend. Unheimlich witzig zwar, wie alles in sich zusammenfällt, aber nach Dutzenden “Die-Märkte-brauchen-mehr-Kontrolle”-Kommentaren, unzähligen “Ich-habe-es-eigentlich-schon-immer-gewusst-obwohl-ich-vorher-das-Gegenteil-behauptet-habe”-Beiträgen und täglich wiederkehrenden “Dow Jones auf Tiefststand – Dax im freien Fall”-Überschriften wird doch alles mal langweilig. Was ist eigentlich mit Eisbär Knut? Lebt der noch? Kann nichtmal wieder sowas in der Zeitung stehen? Mir gehen langsam die Fotos von Börsianern vor unscharfen Aktienkursen auf den Keks. Weniger Finanzkrise, mehr Abwechslung. Aber das dürfte wohl noch ein Weilchen auf sich warten lassen.
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09.10.2008 -
22:55 von Moritz Homann in