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Videojournalismus für Anfänger

Geschrieben am 17.09.2008 - 22:51 von Moritz Homann in Medien.

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Nachrichtliche Videoclips im Internet erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Dabei ist es gar nicht so einfach, aus dem Rohmaterial die passenden Bilder auszuwählen, die richtigen Perspektiven zu finden, das Geschehen objektiv und vernünftig wiederzugeben und dabei journalistische Kompetenz und Umgangsform zu wahren. Dabei kann man es natürlich auch wie Spiegel Online machen – und das alles ganz einfach ignorieren.

Man mag von der “Linken” und ihrem Chef Oskar Lafontaine halten, was man will. Es geht hier nicht um politische Positionen, es geht um den reinen Journalismus. Gestern hat Spon ein Video veröffentlicht, das den Titel “Linke Party: Trinkt euch einen!” trägt. Was nimmt jemand mit, der sich das Video nicht angesehen hat? “Achja, die Linken, die saufen sich die Welt mit ihrem Sozialismus wieder zurecht!”. Und kommt vielleicht sogar auf den Spruch: “Die Linken, die trinken!”. Prima.

Aber es geht ja hier nicht um Titel, sondern um Videojournalismus. Sehen wir uns das Video also an.

Das erste, was auffällt, ist die Hintergrundmusik. Hintergrundmusik ist grundsätzlich nichts falsches. Das kann man schonmal machen. In einem Beitrag über eine Elektronikmesse zum Beispiel. In einem sachlich-politischen Beitrag (oder zumindest mit dessen Anspruch) hat Hintergrundmusik meiner Meinung nach allerdings nichts verloren. Aber eines steht fest: Die Musik stimmt gleich schonmal auf die “linke Party” ein. Die im Video übrigens als geschlossene Gesellschaft angekündigt wird, was die Frage aufwirft, was ein Video davon auf einem Online-Massenmedium zu suchen hat. Aber dazu später.

“Umso klarer die Botschaft von Lafontaine und Gysi”, sagt die Sprecherin. “Während die großen Parteien fleißig auf Brautschau gehen, wird die Linkspartei im Koalitionspoker ignoriert. Dagegen hilft nur noch: Alkohol.” Und wie aufs Stichwort sagt Lafontaine: “Tröstet euch über diesen Schmerz hinweg, esst ordentlich [...] oder trinkt euch einen.” Das ist also das Zitat, das Spon als Quintessenz aus der Lafontaine-Rede zieht. Natürlich weiß ich nicht, was Lafontaine sonst noch gesagt hat. Ich weiß nur eins: Das Zitat passt optimal in den Kontext. Die Linken saufen, Lafontaine sagt selbst, da helfe nur noch Alkohol. Dazu filmt die Kamera schön von unten links. Wieso von links, dürfte klar sein. Und wer von unten gefilmt wird, wirkt bedrohlicher. Und bedrohlich ist er ja wohl, mit seinem Alkohol, und überhaupt.

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Bedrohlich und besoffen: Linke-Chef Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.

Nachdem Lafontaine sein Glas erhoben hat, setzt gleich wieder Musik ein. Drogenmusik, wie ich es nennen würde. Das ist Musik, die man sonst in Filmen hört, wo jemand betrunken ist oder unter Drogen steht. Die Nachricht: Die Linke ist betrunken und steht unter Drogen. “Lafontaine setzt auf die Kraft der Autosuggestion, wie überhaupt so einiges an diesem Abend eher konspirativ erscheint”, säuselt die Sprecherin zur Drogenmusik. Dann erscheint Linken-Geschäftsführer Dietmar Bartsch im Bild. Er darf aber nichts sagen. Dafür wird er in Zeitlupe gezeigt. Zusammen mit der Drogenmusik ist jedem Betrachter klar: Der Mann ist besoffen. Dazu die Stimme: “Während Dietmar Bartsch von Mindestlöhnen weit über acht Euro träumt [...]“. Wie doof der Mann ist! Aber gut, bei dem ganzen Bier, das er offensichtlich schon intus hat. Labert er doch tatsächlich von Mindestlöhnen über acht Euro, die in fünf EU-Ländern längst gang und gäbe sind.

Während Bartsch also von Mindestlöhnen “träumt”, “erscheint plötzlich Gregor Gysi aus der Tiefe des Raums”, lässt uns die Sprecherin Wissen. “Tiefe des Raums, das klingt wonach?” Richtig, Drogen. Die Musik spielt übrigens noch immer. “…und lauscht dem Parteikollegen beim Interview”, sagt die Sprecherin. Und es sieht wirklich so aus, als wolle Gysi seinem Kollegen beim Interview zuhören. Wieso auch nicht. “Die soziale Kontrolle jedenfalls scheint zu funktionieren bei der Linkspartei”, schlussfolgert die sympathische Stimme aus dem Off. Wie sie darauf kommt, dass Gysi den Kollegen Bartsch “kontrollieren” will, bleibt wohl ihr Geheimnis. Aber soziale Kontrolle, das klingt nach DDR und Stasi, das ist gut. “Auch sonst gehts bergauf”, kündigt die Sprecherin an.

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Stasi pur: Gregor Gysi bespitzelt Kollegen Bartsch beim Interview.

Es erscheint: Ein sichtlich angetrunkener Gysi. Er beginnt mit einem Versprecher, bis ihm schließlich auch noch ein Name entfallen ist. Er bittet um eine kurze Unterbrechung, geht kurz weg, lässt sich den Namen sagen, kommt wieder. Die Botschaft: Gysi ist betrunken, weiß nicht, was er sagt, und vergisst die Hälfte.

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Betrunkener, vergesslicher Kommunist: Gregor Gysi.

Wenn ich sonst in Pforzheim Umfragen mache, sage ich eigentlich immer den Standardsatz: “Wenn Sie sich versprechen, können wir das nochmal machen, ist gar kein Problem.” Es käme mir gar nicht in den Sinn, befragte Leute durch absichtliches Drinlassen der Versprecher bloßzustellen. Aber Spiegel Online lässt alles drin. Denn es kommt hier nicht auf Inhalte an, sondern darauf, die Linken bloßzustellen. Mit einem angetrunkenen Gysi, einem träumerischen Bartsch und einem populistischen Lafontaine. Von journalistischen Gesichtspunktspunkten aus betrachtet ist das Video schlichtweg unter aller Sau. Es ist reine Meinungsmache, voll von Suggestionen wie der Musik oder der gewählten Kamerawinkel und Zeitlupenaufnahmen und transportiert in etwa den Inhalt: “Bei der Linken sind alle besoffen, träumen von irgendwelchen “Mindestlöhnen” und hören sich gegenseitig ab.”

Nun wäre Spiegel Online nicht Spiegel Online, wenn es nicht in dieser Tour weiterginge. Offenbar hat dieses Propaganda-Video nicht gereicht, und da Lafontaine gerade 65 geworden ist, lässt sich zu diesem Anlass doch noch ein weiteres, nettes Filmchen schneiden. Es lohnt sich überhaupt nicht, noch einmal im Detail auf all die Suggestionen, Halbwahrheiten und Weglassungen einzugehen, garniert mit Kamerawinkeln, dem passenden Schnitt und journalistischen Umgangsformen, die unter aller Sau sind. Dennoch ist das Anschauen des Videos unbedingt zu empfehlen. Wer hier die Propaganda nicht sieht und Spiegel Online allen Ernstes noch journalistische Objektivität und Unabhängigkeit zuspricht, dem ist nicht mehr zu helfen.

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4 Kommentare zu “Videojournalismus für Anfänger”

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