Hamburg-Pforzheim für 0,- Euro
So, Kinder, wer kann mir sagen, was ein Tramper ist? Genau. Das sind diese verlotterten, schmutzigen Typen, die mit ausgestrecktem Daumen und “Berlin”-Schild irgendwo an der Autobahn stehen und jeden fragen, der anhält: “Eeeyyh nimmsmich n Stückchen mit?”. Gesellschaftlicher Abschaum. Grund genug, das selbst einmal auszuprobieren.
“Tschuldigung…darf ich fragen, wohin Sie unterwegs sind?”. Gefühlte dreißig Mal sage ich diesen Satz an diesem Montag. Zusammen mit einem Kumpel versuche ich, von Hamburg nach Pforzheim zu kommen. Per Anhalter. Knappe 750 Kilometer. Ein Zwischenstopp in Gießen ist angedacht. Im Moment stehen wir jedoch auf einem Autobahn-Rastplatz bei Hamburg und kommen nicht vom Fleck. Eine Stunde ist bereits verstrichen.
Die einen wollen nicht in unsere Richtung, die anderen nehmen grundsätzlich niemanden mit, die Geschäftsmänner dürfen in ihren Geschäftswagen niemanden mitnehmen. Plötzlich winkt mir mein Kumpel von der anderen Seite des Hamburg-Rasthofs zu: Er hat jemanden gefunden.
Es ist ein junges Pärchen. Sie sieht gut aus, er sieht gut aus, das Auto sieht gut aus. Und es fährt 200 km/h. Wenig später sind wir schon auf einem Rastplatz bei Hannover, weiter fahren die beiden leider nicht, wäre auch zu schön gewesen. Wir gönnen uns eine kurze Pause, dann geht die Suche weiter. “Tschuldigung, darf ich fragen, wo Sie hinfahren?”, frage ich ein junges Pärchen, das in den Harz unterwegs ist. Die Antwort kommt zögerlich, aber sie kommt, und wir sitzen in einem blauen Kombi. Wieder 50 Kilometer geschafft.

Unsere Route (ohne Anspruch auf vollständige Korrektheit)
Inzwischen ist es halb fünf. Wir sind auf irgendeinem Rasthof, einige Dutzend Kilometer vor Göttingen. Da fährt ein kleines, dunkelrotes Wägelchen an die Zapfsäule. Ein junger Mann steigt aus, modische Frisur, Sonnenbrille, Pulli mit Aufdruck. “Der sieht gut aus”, meint mein Kumpel. Die üblichen Phrasen werden ausgetauscht. Kurze Zeit später sitzen wir bei ihm im Auto, hören deutschen Gangster-Rap und sind unterwegs nach Kassel.
Viele der Menschen, die uns mitnehmen, haben früher selbst getrampt. “Ich weiß, wie das ist, wenn man ohne Geld irgendwie von A nach B kommen muss”, erzählt uns der junge Mann mit dem Gangster-Rap im Auto. Auch einige der anderen, die uns mitgenommen haben, waren früher auf dieselbe Weise unterwegs. Leider bestätigt sich oft das Klischee: Bei dicken Audis, BMWs oder Mercedes mit Polohemd-tragenden Fahrern lohnt sich das Fragen überhaupt nicht.
Die Suche auf dem Rasthof bei Kassel stellt sich als schwierig heraus. Wie so oft haben wir uns aufgeteilt. Ich stehe an der Tankstelle, mein Kumpel etwas weiter beim Parkplatz. Es wird langsam dunkel. Und kalt. Ich trage Pulli und Jacke, meine Augen wandern immer wieder zu dem verlockenden “Riesen Currywurst XXL”-Schild nahe der Tankstelle. Aber wir müssen weiter.
Es folgt ein Kleinlaster, der niemanden mitnehmen darf, ein besserverdienendes Pärchen, das niemanden mitnehmen will, ein Holländer, der gar nicht weiß, was wir wollen. Als ich kurz vor der Resignation stehe, stapft mein Kumpel winkend heran. “Da ist ein älteres Ehepaar, die würden uns bis Gießen mitnehmen”, ruft er. Der Tag scheint gerettet.
Das Paar erweist sich als wahnsinnig nett, fährt für uns sogar einen Umweg und setzt uns direkt in der Gießener Innenstadt ab, wo wir eine Übernachtungsmöglichkeit haben. Der erste Tag ist geschafft: In gut sieben Stunden von Hamburg nach Gießen, grob 400 Kilometer. Für null Euro. Die restliche Etappe sollte ein Kinderspiel werden.
Am nächsten Tag stehen wir um halb 12 an einer Tankstelle in Gießen. Es gibt bei Gießen keine Raststätte, wir sind auf unser Glück angewiesen. Wir müssen an der Tankstelle jemanden finden, der auf dem Weg Richtung Frankfurt ist. Nach zwei Fehlversuchen hält ein Pärchen aus Osteuropa an der Zapfsäule. “Tschuldigung…darf ich fragen, wohin Sie unterwegs sind?”. “Wir fahren nach Frankfurt!”, sagt der junge Mann in gebrochenem Deutsch. “Könnten Sie uns vielleicht ein Stückchen mitnehmen?” – “Ja, wieso nicht!”. Und wir sind wieder im Spiel.
Mit Trance im Auto und Navigationsgerät geht es weiter zu einem Rasthof, einige Kilometer vor Frankfurt. Sieht gut für uns aus – auf dem Parkplatz stehen einige Autos. Wir suchen nach passenden Kennzeichen, fragen einige Leute, finden einen Mann, der in unsere Richtugn unterwegs ist. Er will eine Viertelstunde Pause machen – wenn wir bis dahin niemanden gefunden haben, will er uns mitnehmen. Wir finden niemanden.
Der Mann fährt einen Geschäftswagen. Bisher haben wir an die zehn Mal gehört, dass im Geschäftswagen niemand mitgenommen werden darf. Wieso dann bei ihm? “Ich hab den Vertrag noch nie so genau gelesen”, gibt er zu. Aber auch wenn, wäre es ihm wohl egal. Er spricht sich gegen Studiengebühren aus und versteht nicht, wie es zur US-Bankenkrise kommen konnte. Einige Zeit später finden wir uns auf einem Rasthof wieder, etwa 20 Kilometer vor Mannheim. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch nahe der Tankstelle und halten Ausschau nach Baden-Württemberglern.
Es ist mal wieder ein jüngeres Pärchen, das vielversprechend aussieht. Während ich die altbekannte Frage stelle, merke ich schon am Grinsen der Frau, dass das klappen könnte. Die beiden bauen für uns extra die Rückbank wieder auf und räumen ihr Gepäck um. Während der Fahrt fragen uns die beiden aus, wo wir herkommen, wo wir hinwollen, was wir studieren und einiges mehr. Die Frau ist selbst früher getrampt. Ob das Trampen für Frauen nicht gefährlich ist? “Einmal war ich bei einem im Auto, der gefragt hat, was passiert, wenn er jetzt seine Hand auf meinen Schenkel legt”, erinnert sie sich. “Das war dann schon komisch”.
Es ist drei Uhr, wir sind fast am Ziel. Doch der letzte Abschnitt stellt sich als schwierig heraus: Fast niemand scheint über Pforzheim zu fahren. Mein Kumpel findet schließlich einen Vertriebsangestellten. Eigentlich macht er das nicht so gerne, sagt er. Aber für uns scheint er eine Ausnahme zu machen. Irgendwie sehen wir ja auch nicht so wirklich so aus, wie man sich Tramper im allgemeinen vorstellt. Und so nimmt er uns bis zur Ausfahrt Pforzheim-West mit. Wir sind zuhause.
Trampen ist ziemlich anstrengend. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Es ist umsonst, man lernt meist interessante Menschen kennen und es beinhaltet den gewissen Abenteuer-Faktor. Der Nachteil: Man ist unheimlich auf das Wohlwollen seiner Mitmenschen angewiesen und muss sich auch noch nach der zehnten Absage zum Weiterfragen motivieren. Und dass man wirklich am Zielort ankommt, ist nie garantiert. Aber gerade das macht ja den Reiz aus.
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Ein Kommentar zu “Hamburg-Pforzheim für 0,- Euro”
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16.09.2008 -
19:42 von Moritz Homann in
September 19th, 2008 at 16:59
[...] Wer also wissen will, was sich in Deutschland in den letzten Jahren verändert hat, der soll einfach nachlesen, was passiert, wenn ein junger Mensch heute durch Deutschland zu trampen versucht, wie einst die [...]
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