Es könnte alles so einfach sein
In diesen Tagen beginnt das, was wir Journalisten liebevoll “Sommerloch” oder “Saure-Gurken-Zeit” nennen. Ein Großteil der Bevölkerung ist im Urlaub, Politiker haben Sommerpause, die Seiten wollen dennoch gefüllt werden. Und das, obwohl in der Stadt kaum etwas passiert. Wir in Pforzheim können uns da glücklich schätzen. Denn wir haben Puzzleheim.
Puzzleheim ist eine Spielstadt. Genauer gesagt, eine Wiese, etwa von der Größe eines halben Fußballfeldes. Vielleicht auch eines Dreiviertel. Ich bin nicht gut im Schätzen von Flächen. Jedenfalls ist Puzzleheim für Kinder gedacht, die dort dann wie in einer richtigen Stadt leben, Berufe ausüben können, einen Gemeinderat samt Bürgermeister haben, Geld verdienen, Steuern zahlen und vieles mehr. Und auf diesen paar Quadratmetern ist an einem Tag mehr los als in Pforzheim in einem Jahr.
Da wird jede Woche ein neuer Bürgermeister und eine neuer Gemeinderat gewählt. Der letzte Bürgermeister hat die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt. Der neue will die Getränkepreise senken. Und das alles im Handumdrehen. Jeder bekommt in Puzzleheim dasselbe Gehalt – nämlich 10 Eupu. Eupu, das ist die Spielwährung in Puzzleheim. Und von diesen 10 Eupu muss jeder einen Eupu Steuern zahlen. Steuererklärung braucht kein Mensch.
Der neue Bürgermeister ist seit heute im Amt. Und außerdem hat er heute auch gleich noch geheiratet. Die Jill. Heiraten ist ziemlich teuer in Puzzleheim: 100 Eupu kostet das. “Das ist zwar teuer, aber für unsere Freundschaft machen wir alles”, sagt Fabian. Jill und Fabian, das sind übrigens die beiden auf dem Foto.
Pendlerpauschale? Braucht in Puzzleheim kein Mensch. Und wenn, wäre sie im Handumdrehen eingeführt. Der Puzzleheimer Gemeinderat verabschiedet am Tag mehr Gesetze und Reformen als Deutschland während einer Legislaturperiode. Skandale gibt’s auch keine. Wenn ein Puzzleheimer Stadtrat sagen würde: “Die Puzzleheimer können sich die Heizung nicht leisten? Dann sollen sie sich einen Pulli anziehen!”, würde er wohl noch am selben Tag aus dem Amt enthoben. In Puzzleheim gibt es keine Parteikrisen. Keine Umfragen. Keine Mitgliederverluste. Es gibt nichtmal Parteien. Man macht eben, was vernünftig ist.
Sogar eine Disco gibt es in Puzzleheim. Und da kommt jeder rein. Da muss man sich nichtmal schick anziehen. Wieviel Eupu der Eintritt kostet, weiß ich nicht. Die “Puzzleheimer Zeitung” kostet zwei Eupu. Aber die lohnen sich. Die Zeitung besteht zwar nur aus einem Blatt, ist aber jeden Tag randvoll mit interessanten Nachrichten. Und das meine ich vollkommen ernst.
Da wäre man doch gern wieder Kind. Jeden Tag Puzzleheim. Jeden Tag Eupu verdienen, keine unbezahlten Überstunden, keine Niedriglöhne, keine Managergehälter. Keine Minijobs, keine Kombilöhne. Kein Versicherungskram, keine Steuererklärung, weder auf zig Seiten noch auf dem Bierdeckel. Keine Debatten, keine Ausschüsse, keine Vorstände und Aufsichtsräte, keine Experten, keine Räte, keine Gewerkschaften, keine Komissionen.
Nun gut, unser Verwaltungsapparat hat ja auch seine Vorteile. Und Versicherungen sind ja auch nicht ganz unnütz. Aber mal ganz ehrlich: Ein wenig Puzzleheim würde uns ab und zu ganz gut tun. Leider ist es am Freitag schon wieder vorbei damit. Dann ist die Wiese im Park wieder frei. Aber vielleicht bleibt ja ein wenig Puzzleheim bestehen. Zumindest in Gedanken.
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2 Kommentare zu “Es könnte alles so einfach sein”
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05.08.2008 -
19:40 von Moritz Homann in
August 22nd, 2008 at 13:39
Rock’n'Roll! Ohne Worte Daumen hoch. Grüße aus Stuggi. Auch hier tobt das Sommerloch. Und wir haben kein Puzzleheim.
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August 9th, 2009 at 11:12
[...] Artikel könnte dieser sein: Eine kurze Geschichte über reCAPTCHA. Und meine Empfehlung: – Es könnte alles so einfach sein. Krasser Artikel von Moritz, der mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist. – Johannes war hier [...]
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