Fünfzig Sekunden für die Ewigkeit
“Plopp” macht es. Ganz leise. Muss ja nicht jeder hören, dass ich mir hier die Zeit mit “Bubble Breaker” vertreibe und nebenher immer wieder verstohlen am Apfelschorle nippe. Von Zeit zu Zeit schweift mein Blick zum Fenster. Der Himmel ist grau, fast komplett von Wolken bedeckt. Dabei scheint es langsam ein wenig freundlicher zu werden. Plötzlich steht Karlheinz in der Tür. “Es geht los”, sag er.
Der Boden des Flugzeugs ist schön weich. Roter Teppichboden. Neben mir zieht die Landschaft vorbei und wird langsam immer kleiner. “Auf der Höhe öffne ich nachher den Fallschirm”, sagt Karlheinz und zeigt mir den Höhenmesser. Der rote Zeiger steht bei 1.500 Metern. Aber erstmal müssen wir noch mehr als doppelt so hoch – auf 4.000 Meter.
Neun Leute passen in das kleine Flugzeug. Dicht gedrängt sitzen alle nebeneinander auf dem Boden, während wir immer höher steigen. Anspannung ist in einzelnen Gesichtern zu lesen. Als das Flugzeug die Wolkendecke durchbricht, wird blauer Himmel sichtbar. Es ist schön hier oben. Wie im Urlaubsflieger. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Urlaubsflieger seine Passagiere wieder auf dem Boden absetzt.
Karlheinz zieht noch einmal alle Gurte fest. Es wird Zeit, die Lederkappe aufzuziehen und die Schutzbrille festzumachen. Ich nehme zwar alles war, kann es aber nicht so ganz begreifen. Wir haben die 4.000 Meter Höhe beinahe erreicht. Die einzelnen Fallschirmlehrer wünschen sich gegenseitig viel Erfolg mit einem Handschlag, der jeden US-Rapper vor Neid erbleichen ließe.
Die Tür geht auf. Draußen ist der Himmel blau, die Wolken liegen weiß wie Watte unter uns. Es bleibt kaum Zeit, den Ausblick zu bewundern. Schon haben die ersten Springer das Flugzeug verlassen und sind nicht mehr zu sehen. Ich blicke ein letztes Mal aus dem Fenster. “Wir sind dran”, brüllt mir Karlheinz ins Ohr, um den Motorenlärm zu übertönen. Jetzt muss alles schnell gehen.
Wir rutschen Richtung Tür. Meine Beine baumeln ins Leere. Unter mir sind nur Wolken zu sehen. “Sprunghaltung einnehmen”, brüllt Karlheinz hinter mir. Ich lege den Kopf in den Nacken und mache mich bereit. Karlheinz nickt ein letztes Mal dem Piloten zu. Dann fallen wir.
Erst jetzt wird mir bewusst, was eigentlich gerade geschieht. Adrenalin pumpt durch meine Adern. Der freie Fall wird zunehmend rasanter, die Wolken kommer immer näher, schließlich durchbrechen wir die Wolkendecke, eine Landschaft in Miniaturausgabe tut sich auf. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, es ist ein wenig wie das Fliegen im Flugzeug, nur ohne Flugzeug. Es ist eben Fliegen.
Fünfzig Sekunden dauert der freie Fall, bis wir schließlich mit einem leichten Ruck vom sich öffnenden Fallschirm aufgehalten werden. Nun ist Zeit, sich mit der Natur rund um Bruchsal zu beschäftigen. Ein Golfplatz ist zu sehen, Autos sehen aus wie Ameisen. Der aufregende Teil ist vorüber, jetzt ist Entspannung angesagt. Wir schweben in großen Kreis langsam dem sicheren Erdboben entgegen. “Beine hoch”, ruft Karlheinz von hinten. Wir landen weich, auf Kies. Das Abenteuer ist vorbei. Fünfzig Sekunden zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod. Im freien Fall, ohne Halt. Es sind fünfzig Sekunden, die man sich bewahrt, an die man immer wieder zurückdenkt. Fünfzig Sekunden für die Ewigkeit.
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22.05.2008 -
19:42 von Moritz Homann in