Subway-Philosophie
Subway oder Asia-Express? Aufgrund meiner Ernährungsumstellung wechseln sich die beiden in meiner Mittagspause derzeit ab. Einmal gibt es Reis mit Hühnchen, einmal Hühnchen auf Brot. Und natürlich so ein bisschen frisches Zeug dazu. Und das gab es auch heute.
Ein “Chicken Fajita” sollte es ein. Schlauerweise hab ich meine Mittagspause um viertel nach eins begonnen, wenn die Stadt voller Schüler ist. Was Schüler für eine Plage sind, merkt man auch erst, wenn man aus der Schule draußen ist. Aber gut. Vorm Subway hat sich schon eine kleinere Schlange gebildet, die hauptsächlich aus Schülerinnen besteht. Direkt vor mir ein hübsches Mädchen, blonde Haare, geschätzte 19 Jahre alt, mit Täschchen, Rollköfferchen und Handy am Ohr. Das Handy mit pinken Steinchen besetzt. Der Appetit vergeht mir ein wenig.
Ich werde das Mädchen im Folgenden “Tussi” nennen. “Tussi” telefoniert mit jemandem, der offensichtlich “Schätzelchen” heißt. Tussi und Schätzelchen haben sich jede Menge zu erzählen. Tussi teilt Schätzelchen mit, dass sie gerade im Subway ist. Außerdem hatte sie früher aus und irgendein Kurs fand nicht statt oder die Schüler wurden früher entlassen, und warum, erklärt Tussi ihrem Schätzelchen in aller Länge. Ob Schätzelchen ein Er oder eine Sie ist, hab ich leider nicht rausgefunden.
Die Schlange wird kürzer, Tussi ist gleich dran. Jetzt wird sie das Gespräch langsam beenden, denk ich. Selten so daneben gelegen. “Was darfs bei Ihnen sein”, fragt der freundliche Subway-Mann. Tussi nimmt das Handy kurz vorm Ohr, gibt ihre Bestellung auf, und labert fröhlich weiter ins Handy. “Auf welchem Brot?”, fragt der Subway-Angestellte, Tussi trennt sich erneut kurz von Schätzelchen und sagt “Parmesan-Oregano”. Oder vielleicht auch “Sesam”. Oder “Wheat”, weil sie auf ihre beschissene Linie achten muss. Ist mir auch egal, welches Brot sie nimmt, ich hab inzwischen einen Hals, in den drei Subways quer reinpassen würden.
Irgendwann beendet Tussi dann doch ihr Gespräch mit Schätzelchen, und ich bin dran. Ich bestelle zwei Chicken Fajita, die leider aus sind, also werden daraus zwei Chicken Teriyaki. Beim Kassieren sagt der freundliche Subway-Mann, dass ich ja eigentlich Fajita wollte und er deswegen auch Fajita berechnet. Wieso, kosten doch gleich viel, denke ich. Aber das Fajita ist Sub des Tages, das heißt, es kostet 1,50 Euro weniger als sonst. So habe ich also drei Euro gespart. Nun fragt ihr euch vielleicht, wieso ich solche Unzulänglichkeiten erzähle.
Täglich kommt ein Haufen Menschen in diesen Subway und bestellt das, wonach ihm gerade ist. Wenn mir nach einem Teriyaki gewesen wäre, hätte ich auch ohne zu Zögern das Teriyaki bestellt, ob Angebot oder nicht. Obwohl Fajita und Teriyaki für einen Preisunterschied von 1,50 Euro (an diesem Tag) verdammt ähnlich schmecken. Wer bin ich denn, dass ich für dieses minimale Plus an Geschmack einen Euro fünfzig ausgebe? Für diesen Betrag kann ich in Ghana drei Tage leben, und ich und hunderte andere geben ihn dafür aus, um das optimale Geschmackserlebnis herauszuholen. “Was, Fajita ist aus? Och nöö, dann gibt es also nicht das superleckere Sandwich, sondern nur das total leckere Sandwich.”
Wir sind verwöhnt bis ins Letzte. “Hm, die Kartoffeln sind aber etwas fest heute, die Sauce ist einen Tick zu pikant, das Fleisch könnte etwas mehr durch sein, und auf die Getränke warten wir auch schon sechs Minuten siebenunddreißig Sekunden. Du, Schatz, hier gehen wir nicht mehr hin.” Wir sind es gewohnt, erstklassigen Service zu bekommen, das Essen muss einen gleichbleibend hohen Standard erfüllen, alles darunter enttäuscht uns maßlos. Dabei müssten wir dankbar sein. Dankbar, dass wir den Luxus haben, uns genau das rauszusuchen, was uns schmeckt. Achim Wohlgetan, ein Soldat, der für sechs Monate in Afghanistan stationiert war, beschreibt in seinem Buch “Endstation Kabul” ein Phänomen, das ich ähnlich erlebt habe: Die Vielfalt zuhause erschlägt einen.
Die armen Länder dieser Welt freuen sich über Reis mit Bohnen. Wenn es noch Brot dazu gibt, wird ein Festmahl daraus. Wir ärgern uns, wenn der Maracuja-Muskatnuss-Joghurt und die Wagner-Steinofenpizza “Quattro stagione” aus sind und es nur noch die Stagione ohne Käse im Rand für einen Euro weniger gibt. In den armen Ländern leuchten den Kindern die Augen, wenn die Eltern ein Stück Fleisch mitbringen. Wir trommeln ungeduldig auf den Tisch, während wir auf das Steak Madagaskar mit Kroketten warten. Wir haben alles, was wir uns vorstellen können, und sind ungehalten, wenn wir es nicht bekommen können. Wir sind ein verwöhntes Volk, das diesen Reichtum und die Vielfalt gar nicht verdient hat.
Auf solche Gedanken komme ich unter anderem deswegen, weil ich heute Abend einen Teller Blumenkohl, Broccoli und Vollkornbrot zu mir genommen habe. Da ich ja noch zu Hause wohne, komme ich (zumindest abends) auch in den Genuss der heimischen Küche. Über ein solches Essen wäre ich normalerweise auch ungehalten gewesen. “Och nee, Gemüse, Vollkornbrot, schmeckt doch überhaupt nicht”, hätte ich gesagt. Aber man muss es nur mal damit vergleichen, gar nichts zu essen zu haben. Dann wird es plötzlich zum Festmahl. Und auch das Angebot von Subway ist ein Festmahl. Ob nun Fajita, Teriyaki oder Veggie Delite: Alles schmeckt großartig. Nur muss uns das hin und wieder auch bewusst werden.
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24.01.2008 -
23:37 von Moritz Homann in