Der Mythos DJ – Die Öffentlichkeitstäuschung
DJs sind tendenziell ungeheuer cool. Weil sie (meistens) coole Musik auflegen, irgendwie noch mit Schallplatten zugange sind und die Menge (im Optimalfall) zum Toben bringen. Wie das genau funktioniert mit dem DJing, das weiß aber keiner so genau. Irgendwie mit Übergängen und so. Aber sobald jemand im Fernsehen irgendwie Plattenspieler hat, dann muss er ein DJ sein. So viel ist schonmal sicher.
Und genau das führt dann zu solchen Musikvideos. Da schraubt und scratcht der gute Alex C. wie wild an seinem DJ-Pult, an zwei Turntables und einem Vier-Kanal-Mixer. Und wieso? Völlig sinnfrei. Der Track ist produziert, und auch beim Vorgang des Produzierens wird Alex C. nicht an einem DJ-Pult gestanden haben. Sondern in einem stinklangweiligen Tonstudio mit einem Haufen Knöpfen und Reglern. Vielleicht auch an einem angeranzten Laptop mit Music Maker 8, in diesem Fall. Aber weil beides relativ unspektakulär ist, stellt man ihn eben an ein DJ-Pult und er legt dann da mal ein bisschen auf. Irgendwie.
Die momentan aufstrebende Dancehall-Gruppe Culcha Candela hat auch einen DJ. Und dem wurde jetzt auch ein Lied gewidmet, nämlich “Ey DJ”. Und wenn das aufgeführt wird, muss der DJ natürlich auch ordentlich was bringen. So wie hier. Da sieht man den guten bei Sekunde 58 eine Bewegung an der Platte durchführen, die sowas von überhaupt nicht mit dem Sound übereinstimmt, das gibts gar nicht. Ich wage gar zu bezweifeln, dass auf der Platte irgendetwas drauf war, was mit dem Song zu tun hat. Aber Hauptsache, es sind Plattenspieler, es drehen sich am besten gleich beide Platten und der DJ schraubt und scratcht irgendwie herum. Und damit künftig solche Hochstapler sofort enttarnt werden können, hier ein paar Regeln:
- Wenn ein bereits produziertes Lied gezeigt wird, in dem keine Scratches vorkommen, hat ein DJ in 90% aller Fälle nichts zu tun. Alle Musikvideos mit wilden DJ-Einlagen sind somit meist Bullshit.
- Wenn der DJ an irgendwelchen Reglern herumspielt und sich vom Sound her nichts ändert (wird besonders gerne in Musikvideos angewandt), ist das reine Show. Passiert auch in Clubs hin und wieder.
- Wenn STÄNDIG BEIDE Turntables laufen, kann auch irgendetwas nicht stimmen.
- Wenn der DJ (im Club oder live) Übergänge macht, aber NIE den Kopfhörer aufhat, kann auch irgendetwas nicht stimmen. Hier sei gemerkt: Wenn der DJ den Kopfhörer aufhat, dabei an den Reglern spielt und sich nichts hörbar ändert, ist das völlig in Ordnung.
- Ein DJ braucht keine Platten und keine Turntables. Es gibt CD- und Laptop-DJs, die besser sind als Vinyl-DJs und andersrum. Große DJs wie Paul van Dyk oder Axwell setzen Laptop und CDs ein.
Da leider kaum jemand weiß, wie das mit dem DJing eigentlich funktioniert, kann es sogar vorkommen, dass ein DJ einen vorgefertigten Mix einschiebt, den laufen lässt und dazu schauspielt. Ein wenig scratcht, ein wenig drückt und dreht. Dann doch einen Übergang (zum nächsten vorgefertigten Mix) macht, diesen völlig verhaut, das aber keinem auffällt.
Ich kann mittlerweile schon gar nicht mehr richtig feiern, wenn die Übergänge nicht passen – aber das ist wohl eine Berufskrankheit. Ein Positivbeispiel für DJing in der Öffentlichkeit habe ich kürzlich bei der “Live in Texas”-Show von Linkin Park gesehen: Mr. Hahn (siehe Foto oben). Der Linkin-Park-DJ wird zwar in den Musikvideos auch eine Show abziehen, live ist jedoch alles echt, und: beeindruckend. Natürlich legt auch der Culcha-Candel-DJ live richtig auf. Die Frage ist nur, was er da macht. Eigentlich nur eine Platte nach der anderen spielen, ohne jeglichen Übergang. Vielleicht mal einen Scratch hin und wieder. Aber Hauptsache, es gibt einen DJ. “Hey, DJ”. Gott sei Dank gibt es davon einen vernünftigen Remix von Micha Moor. Einem echten DJ.
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02.01.2008 -
23:25 von Moritz Homann in