Faszination Afghanistan
Eigentlich ist “Faszination” das falsche Wort. Faszination klingt nach tosenden Wasserfällen, blühenden Landschaften und schillernden Seifenblasen. Vielleicht passt “Mythos” besser. Wobei es eigentlich gar kein Mythos ist. Eigentlich ist ja alles klar. Nur weiß das keiner. Oder man weiß es, und damit ist auch gut. Und die sind ja sowieso alle verrückt. Und man schüttelt den Kopf; und empört sich kurz. Und dann reichts auch wieder für ein paar Monate.
Dieses Bild da oben ist mittlerweile eigentlich schon allgemein bekannt. Es zeigt ein junges Brautpaar. Oder sagen wir, ein zur Hälfte junges Brautpaar. Die Braut ist jung. Elf Jahre alt, um genau zu sein. Ihr liebender Ehemann ist vierzig. Und so ganz freiwillig sind die beiden auch nicht vor den Traualtar getreten. Oder sagen wir, zumindest zur Hälfte nicht.
Da ich gerade “Tausend strahlende Sonnen” lese, passt das Bild gerade ganz gut zur Thematik. Das Buch hat sich inzwischen zum Bestseller gemausert, obwohl ich es vor 2-3 Wochen noch aus irgendeinem der hinteren Regale gefischt habe, ohne zu wissen, was es genau ist. Es ist eine realistische Beschreibung des Lebens in Afghanistan. Allerdings spielt das Buch vor etwa dreißig Jahren. Dieses Foto, von der UNICEF zum Bild des Jahres gekürt, zeigt, dass sich inzwischen nicht viel verändert hat.
Seit ich in Ghana war, übt Afghanistan eine ungemeine Faszination auf mich aus. Nun mag man sich fragen, was denn Ghana mit Aghanistan zu tun hat. Ganz einfach – beides sind im Vergleich zu Europa völlig verschiedene Welten. Welten voller Lehmhütten, Brot, Reis und Zwangsheirat. Im Fall von Afghanistan voll Burka und Koran. Und auch wenn wir das eigentlich alles wissen und uns in gewissem Maße auch dessen bewusst sind, haben wir doch keine Ahnung. Ein Tag in Afghanistan würde unser Leben ändern. Zumindest für eine Zeit lang.
Es ist der ungeheure Unterschied, den man sich vor Augen führen muss. Mein größtes Problem in Deutschland ist, dass ich eine WMA nicht in eine MP3 umgewandelt bekomme und sie somit nicht auf meinem iPod Touch abspielen kann. In Afghanistan liege ich als Elfjährige abends im Bett, weine leise in mein Kissen und bete dafür, dass mein Ehemann mich heute nicht misshandelt.
Das Buch kann ich unterdessen nur empfehlen. Es erlaubt zumindest mal einen kleinen Einblick in diese Welt, auch wenn es im Vergleich zu einer persönlichen Afghanistan-Reise vermutlich an Distanz kaum zu übertreffen ist. Aber es lenkt die Aufmerksamkeit zumindest wieder ein wenig auf die vielen anderen Welten, die unsere Welt zu bieten hat – seien sie nun unglaublich schön oder unfassbar grausam. Faszinierend sind sie allemal.
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19.12.2007 -
22:54 von Moritz Homann in