Lyrikinterpretation zeitgenössischer Musik
Seid still, Kinder! Wir widmen uns heute einem besonders interessanten Stück Musik. Ja, es ist hier jetzt wie früher in der Schule. Wo es hieß: “Schlagt mal auf, das kleine gelbe Büchlein, Seite 53ff, da sagt Crampas: “Effi, du hast da Rotze an der Nase!” Was will Crampas damit eigentlich ausdrücken?” Ich persönlich saß dann meistens da und habe überlegt, warum Crampas denn nicht einfach sagt, was er meint. Wäre doch viel einfacher. Natürlich kann ich auch sagen “Die Blume des Seins dünkt mich des Verwelkens zu frönen”. Ich kann aber auch sagen “Ey Alder, du gehst mir tierisch aufn Sack.” Ist letzlich eine Frage des Geschmacks.
Aber heute geht es gar nicht um die kleinen gelben Büchlein, sondern um zeitgenössische Musik. “And no matches” heißt diese, und kommt von Scooter. Hiermit oute ich mich auch, ich mag Scooter. Scooter macht Gute-Laune-Musik und stellt auch gar keinen Anspruch an den Hörer. Viele sagen dann “Oh Gott, Scooter, das is doch für Deppen mit Tribal-Tattoo-Shirts und weißen Schlaghosen”; vielleicht haben sie damit sogar Recht. Aber ich mags auch. Und deswegen interpretieren wir hier jetzt den Text. Hat noch irgendjemand eine Frage? Aber nicht reinrufen, sondern mit Meldung!
Zunächst muss ich eins klarstellen: Scooter ist kein Techno. Und auch kein House, jedenfalls nicht das vorliegende “And no matches”. Das gehört zur Gattung Jumpstyle, vielleicht mit Dance-Einflüssen. Deswegen hüpfen die im Musikvideo auch so lustig herum. Jumpstyle scheint sich gerade zu etablieren. Stelle ich mir allerdings ziemlich anstrengend vor. Aber witzig aussehen tuts auf jeden Fall.
Frontmann H.P. Baxxter entzündet das lyrische Feuerwerk mit folgenden Zeilen:
When I’m fresh off the plane
And I’m going insane
Like I just had a bottle of champagne
Das heißt so in etwa übersetzt: “Wenn ich gerade frisch aus dem Flugzeug komme, und ich durchdrehe, als ob ich gerade eine Flasche Champagner getrunken hätte”. Man muss sagen, dass das für Scooter-Verhältnisse noch erstaunlich viel Sinn macht. Also flugs weiter im Text:
Diggedy Diggedy Paul
Ready for another soul
I just wanna let you know
Jetzt wirds schon schwieriger. Das hat nun schon Kleines-gelbes-Büchlein-Niveau. Also schnell die Sekundärliteratur ausgepackt und nachgedacht. “Diggedy Diggedy Paul” könnte vielleicht ein guter Freund von H.P. sein. Dann heißt es weiter, dass H.P. “bereit für eine weitere Seele” ist und “uns einfach wissen lassen” möchte. Will H.P. uns sagen, dass er bereit ist, sich die Seele vom alten Diggedy-Paul einzuverleiben? H.P., ein Todesser? Wir werden sehen.
I put the beats freaks’ industries
Lick on the brick
And sweet chicks on I check
Gonna split with the wet
Jetzt wirds schwierig. Sowohl interpretatorisch, als auch grammatikalisch. Die erste Zeile heißt soviel wie “Ich stelle die Beats der Freak-Industrie”. Zeile 2 dann: “Leck am Backstein”. Was will H.P. uns damit sagen? Der Backstein muss eine Metapher sein. Woran sollen wir lecken? Vielleicht ist der Backstein eine Metapher für ein Problem, für Kummer, der uns schwer auf der Seele liegt. Hier auch wieder der Bezug zum vorherigen Absatz! Und nun sollen wir an diesem Problem, an diesem Kummer “lecken” (was natürlich auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist), bis das Problem verschwindet. Ja!
“Und ich checke süße Mädels ab” bedarf keiner Interpretation. Und die Zeile darunter ist zu jugendunfrei, um sie hier zu erörtern. Jedenfalls kommt es mir so vor.
Nun machen wir einen Sprung, jetzt wird es nämlich richtig interessant. Und zwar hier, im Break:
Alright, listen
Three men in a boat with four cigarettes
And no matches
How do they manage to smoke
Hier kommt nun auch der Titel des Lieds ins Spiel. Also Kinder, aufgepasst und mitgemacht! Drei Männer sitzen in einem Boot und haben vier Zigaretten. ABER: Keine Streichhölzer! Und nun die Preisfrage: Wie schaffen sie es, trotzdem zu rauchen?? Ganz ehrlich: Es ist mir ein Rätsel. Scooter ist mir über, und wahrscheinlich wird auf allen Tanzflächen der Welt, auf den dieses Lied gespielt wird, an dieser Stelle kurz Stille herrschen. Wenn jeder nachdenkt, wie es drei Männer in einem Boot mit vier Zigaretten und ohne Streichhölzer schaffen, zu rauchen. Nehmt das nicht auf die leichte Schulter. Denkt darüber nach. Und wenn ihr die Lösung habt, teilt sie mir mit.
Nun sind wir fast am Ende. Fehlt nur noch das Schluss-Statement:
Coffee isn’t my cup of tea
Das lasse ich so stehen. Das ist Kunst, die keiner Interpretation bedarf. Das reiht sich ein in die große Reihe, zu “The painted cow” und “How much is the fish” und “Respect to the man in the icecream van”. Scooter haben es mal wieder geschafft. Bleibt nur noch die Frage: Kann H.P. mit Kaffee wirklich nichts anfangen? Ich persönlich gewöhne mich langsam an das schwarze Getränk, obwohl ich früher absoluter Kaffee-Gegner war. Aber das kommt wohlmit der Zeit, mit dem Studium, mit dem Arbeiten. Und vielleicht kommt auch irgendwann die Verständnis. Die Weisheit, die nötig ist, um solche Lyrik begreifen zu können. Um sie verstehen zu können.
Aber jetzt packt eure Hefte ein, es klingelt gleich. Hausaufgaben gibt es heute keine, weil ihr heute so gut mitgemacht habt. Und wehe, ich erwische einen, der auf dem Flur Jumpstyle tanzt!
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10 Kommentare zu “Lyrikinterpretation zeitgenössischer Musik”
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28.11.2007 -
23:00 von Moritz Homann in
November 28th, 2007 at 23:14
“Aber das kommt wohlmit der Zeit, mit dem Studium, mit dem Arbeiten.”
Kommt es nicht, du Mitläufer. Erst Apple, jetzt Kaffee – hast du denn gar keine Prinzipien mehr? ;D
Davon abgesehen: Der Mensch, der Techno erfunden hat, muss Misanthrop gewesen sein. Im Moment dröhnt mir aus dem Barraum im Erdgeschoss schallend der Techno entgegen – während ich mich auf insgesamt 3 Tests am morgigen Tag vorbereiten darf… es heißt also Techno versus Konzentration, yeah. Darauf erst mal ein paar Backsteine!
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November 29th, 2007 at 13:19
“Leck am Backstein”
HERRLICHST
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December 2nd, 2007 at 15:28
Antwort auf deine Frage: Three men in a boat…
They throw one cigarette overboard and make the boat a cigarette lighter!
Ist lediglich ein englischer Wortwitz, aber muss man erst drauf kommen…
LG
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December 2nd, 2007 at 16:25
Ach was, das is ja richtig geil…:D
Danke für die Info!
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December 19th, 2007 at 19:04
Das Schlussstatement solltest du wenigstens übersetzen, damit auch die deutschsprachigen Leser/innen das verstehen können (OK, ich gebe zu, man kann auch das deutsche eigentlich nicht verstehen). So in etwa:
Kaffee ist nicht mein Bier
oder so etwas in der Art…
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December 30th, 2007 at 19:56
ich mag die texte von scooter
es heisst übrigens “respect to the mEn in the icecream van”, also plural… und damit war “the klf” gemeint: http://en.wikipedia.org/wiki/The_KLF
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March 15th, 2008 at 16:02
“How do they manage to smoke”
They throw one Cig overboard and make the Boat a Cigarette lighter
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July 10th, 2008 at 12:32
Also ich bin auf diese Seite echt per Zufall gestoßen und kann mich jetzt nicht mehr zurückhalten. Wenn man schon Song texte kritisieren will, sollte man auch in der lage sein die richtigen Lyrics zu verwenden…..
H.P.s Texte mögen vielleicht nicht vor Sinn strotzen, “Lick on a brick” ist aber wohl eher eins deiner Hobbies, als Teil eines Scooter Textes.
Ich leg dann mal los:
When I’m fresh off the plane
And I’m going insane
Like I just had a bottle of champagne
Richtig! Is ja auch nicht schwer.
Diggedy Diggedy Paul
Ready for another soul
I just wanna let you know
I put the beats freaks’ industries
Lick on the brick
And sweet chicks on I check
Gonna split with the wet
lol nicht mal H.P. denkt sich so nen Mist aus
richtig gehts so:
Ticketey ticketey pow, ready for another show
I just wanna let U know
I pimp da beats freaks in the streets
Blicker than Blick like sick Chicks on a trip
Gonna strip with a whip
hallelooo Jumping Crew this sound is new
and this is your clue
H.P. hat mal gesagt es kommt weniger auf den Sinn, als auf die Wirkung des Textes an. er soll sich in erster Linie reimen, Energie und Stimmung vermitteln.
3 men in a boat, with 4 cigarettes and no matches…… how do they manage to smoke?
die Lösung “they throw 1 Cig overboard and use the boat as lighter” ist richtig. Das Rätsel stammt ursprünglich aus einem frühen Batman Comic und wurde vom Riddler gestellt.
Für weitere Fragen über Sinn in Scootertexten stehe ich gerne zur Verfügung. Hat mir Spass gemacht
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August 9th, 2009 at 09:31
Three men in a boat with four cigarettes
And no matches
How do they manage to smoke
A:
Sie redeten sich die Köpfe heiss, auf diese Weise hatten sie ein Feuerzeug.
Wer´s nicht glaubt: Batman Serie (1966) Folge 1 – Rätselhafter Rätselkönig
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October 24th, 2009 at 01:08
Es ist doch verdammt nochmal so etwas von egal wie es nun richtig heißt…
…Fakt ist: es ergibt keinen Sinn,
Fakt 2 ist: Scooter covert seit 15 Jahren was das zeug hält.
…Fakt 3 ist aber auch: Es ist verdammt nochmal hammergeil…wie der Initiator dieses Threads bereits festgestellt hat, bereitet die Musik verdammt nochmal gute Laune…und das seit 15 Jahren in allen möglichen Nuancen:
angefangen mit Happy Hardcore mitte der 90er, über Techno mit gepitchten Voices, HandsUp, Rock-Techno und HipHop-Techno Mixes, House, bis heute Jumpstyle, Melbourne Shuffle und Hardstyle.
Die Leute die es kritisieren haben wohl auch ihre vertretbaren Argumente, die gleichen Argumenten kann man natürlich auch auf der anderen Seite verwenden um das ganze positiv zu werten (dieser Seite schließe ich mich an)…das ganze was Scooter produziert mag möglicherweise den Ansprüchen die Leute an die Musik als “Kunst” haben nicht genügen, für mich ist es hingegen sehr individuell…und nicht umsonst hält sich eine Band 15 Jahre in den Charts, produziert mehr Top 20 Hits als Modern Talking, greift sich mit Nessaja den 1. Platz der Charts und erobert nun Platz 2 in den deutschen Album Charts…irgendwer muss die Platten wohl gekauft haben
.
In diesem Sinne,
Wickeeed!
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