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Lyrikinterpretation zeitgenössischer Musik

Geschrieben am 28.11.2007 - 23:00 von Moritz Homann in Musik.

Seid still, Kinder! Wir widmen uns heute einem besonders interessanten Stück Musik. Ja, es ist hier jetzt wie früher in der Schule. Wo es hieß: “Schlagt mal auf, das kleine gelbe Büchlein, Seite 53ff, da sagt Crampas: “Effi, du hast da Rotze an der Nase!” Was will Crampas damit eigentlich ausdrücken?” Ich persönlich saß dann meistens da und habe überlegt, warum Crampas denn nicht einfach sagt, was er meint. Wäre doch viel einfacher. Natürlich kann ich auch sagen “Die Blume des Seins dünkt mich des Verwelkens zu frönen”. Ich kann aber auch sagen “Ey Alder, du gehst mir tierisch aufn Sack.” Ist letzlich eine Frage des Geschmacks.

Aber heute geht es gar nicht um die kleinen gelben Büchlein, sondern um zeitgenössische Musik. “And no matches” heißt diese, und kommt von Scooter. Hiermit oute ich mich auch, ich mag Scooter. Scooter macht Gute-Laune-Musik und stellt auch gar keinen Anspruch an den Hörer. Viele sagen dann “Oh Gott, Scooter, das is doch für Deppen mit Tribal-Tattoo-Shirts und weißen Schlaghosen”; vielleicht haben sie damit sogar Recht. Aber ich mags auch. Und deswegen interpretieren wir hier jetzt den Text. Hat noch irgendjemand eine Frage? Aber nicht reinrufen, sondern mit Meldung!

Zunächst muss ich eins klarstellen: Scooter ist kein Techno. Und auch kein House, jedenfalls nicht das vorliegende “And no matches”. Das gehört zur Gattung Jumpstyle, vielleicht mit Dance-Einflüssen. Deswegen hüpfen die im Musikvideo auch so lustig herum. Jumpstyle scheint sich gerade zu etablieren. Stelle ich mir allerdings ziemlich anstrengend vor. Aber witzig aussehen tuts auf jeden Fall.

Frontmann H.P. Baxxter entzündet das lyrische Feuerwerk mit folgenden Zeilen:

When I’m fresh off the plane
And I’m going insane
Like I just had a bottle of champagne

Das heißt so in etwa übersetzt: “Wenn ich gerade frisch aus dem Flugzeug komme, und ich durchdrehe, als ob ich gerade eine Flasche Champagner getrunken hätte”. Man muss sagen, dass das für Scooter-Verhältnisse noch erstaunlich viel Sinn macht. Also flugs weiter im Text:

Diggedy Diggedy Paul
Ready for another soul
I just wanna let you know

Jetzt wirds schon schwieriger. Das hat nun schon Kleines-gelbes-Büchlein-Niveau. Also schnell die Sekundärliteratur ausgepackt und nachgedacht. “Diggedy Diggedy Paul” könnte vielleicht ein guter Freund von H.P. sein. Dann heißt es weiter, dass H.P. “bereit für eine weitere Seele” ist und “uns einfach wissen lassen” möchte. Will H.P. uns sagen, dass er bereit ist, sich die Seele vom alten Diggedy-Paul einzuverleiben? H.P., ein Todesser? Wir werden sehen.

I put the beats freaks’ industries
Lick on the brick
And sweet chicks on I check
Gonna split with the wet

Jetzt wirds schwierig. Sowohl interpretatorisch, als auch grammatikalisch. Die erste Zeile heißt soviel wie “Ich stelle die Beats der Freak-Industrie”. Zeile 2 dann: “Leck am Backstein”. Was will H.P. uns damit sagen? Der Backstein muss eine Metapher sein. Woran sollen wir lecken? Vielleicht ist der Backstein eine Metapher für ein Problem, für Kummer, der uns schwer auf der Seele liegt. Hier auch wieder der Bezug zum vorherigen Absatz! Und nun sollen wir an diesem Problem, an diesem Kummer “lecken” (was natürlich auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist), bis das Problem verschwindet. Ja!

“Und ich checke süße Mädels ab” bedarf keiner Interpretation. Und die Zeile darunter ist zu jugendunfrei, um sie hier zu erörtern. Jedenfalls kommt es mir so vor.

Nun machen wir einen Sprung, jetzt wird es nämlich richtig interessant. Und zwar hier, im Break:

Alright, listen
Three men in a boat with four cigarettes
And no matches
How do they manage to smoke

Hier kommt nun auch der Titel des Lieds ins Spiel. Also Kinder, aufgepasst und mitgemacht! Drei Männer sitzen in einem Boot und haben vier Zigaretten. ABER: Keine Streichhölzer! Und nun die Preisfrage: Wie schaffen sie es, trotzdem zu rauchen?? Ganz ehrlich: Es ist mir ein Rätsel. Scooter ist mir über, und wahrscheinlich wird auf allen Tanzflächen der Welt, auf den dieses Lied gespielt wird, an dieser Stelle kurz Stille herrschen. Wenn jeder nachdenkt, wie es drei Männer in einem Boot mit vier Zigaretten und ohne Streichhölzer schaffen, zu rauchen. Nehmt das nicht auf die leichte Schulter. Denkt darüber nach. Und wenn ihr die Lösung habt, teilt sie mir mit.

Nun sind wir fast am Ende. Fehlt nur noch das Schluss-Statement:

Coffee isn’t my cup of tea

Das lasse ich so stehen. Das ist Kunst, die keiner Interpretation bedarf. Das reiht sich ein in die große Reihe, zu “The painted cow” und “How much is the fish” und “Respect to the man in the icecream van”. Scooter haben es mal wieder geschafft. Bleibt nur noch die Frage: Kann H.P. mit Kaffee wirklich nichts anfangen? Ich persönlich gewöhne mich langsam an das schwarze Getränk, obwohl ich früher absoluter Kaffee-Gegner war. Aber das kommt wohlmit der Zeit, mit dem Studium, mit dem Arbeiten. Und vielleicht kommt auch irgendwann die Verständnis. Die Weisheit, die nötig ist, um solche Lyrik begreifen zu können. Um sie verstehen zu können.

Aber jetzt packt eure Hefte ein, es klingelt gleich. Hausaufgaben gibt es heute keine, weil ihr heute so gut mitgemacht habt. Und wehe, ich erwische einen, der auf dem Flur Jumpstyle tanzt!

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10 Kommentare zu “Lyrikinterpretation zeitgenössischer Musik”

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