Vorratsdatenspeicherung, oder: Offene Bücher
Ja, ich will wieder mit dem Bloggen anfangen. Ich habe ein Blog aufgesetzt, richtig schick mit Wordpress und solchen Geschichten, die Sidebar rechts wird mit Widgets ausgestattet, alles superdynamisch und Web 2.0 und überhaupt. Dazu eine coole Tag-Cloud und Kategorien und RSS natürlich und all das. Ob ich zum Design noch ein paar Worte verlieren sollte? Eigentlich gibts da nicht viel zu sagen…mir hat das Foto gefallen.
Und zu dem kleinen Schäuble da oben rechts kommen wir später noch.
Zum Start dieses Blogs will ich gleich mal mit einem kleinen Experiment starten. “Offene Bücher” heißt der Titel dieses Eintrags, wir machen heute aber keine Buchbesprechung, sondern: Eine Menschenbesprechung. Wie wir alle wissen, uns aber nicht immer bewusst ist, öffnen wir uns im Internet mehr und mehr. Das geht schleichend vor sich, die meisten finden das auch nicht schlimm, Fakt ist jedoch, dass es passiert, und meist auch völlig freiwillig. Aber kommen wir vorher noch zur Politik.
Dass der gute Herr Schäuble nicht immer ganz sauber ist, steht wohl außer Frage, nun jedoch schließt sich ihm zumindest teilweise auch noch die SPD an. “Vorratsdatenspeicherung” heißt das, was die Regierung vorhat, zum Ende des Jahres soll es umgesetzt werden. Dafür, dass die Google-Resonanz auf diesen Begriff immens ist, ist dieses Vorhaben nur wenig bekannt. Ich zitiere:
Nach Plänen von CDU, CSU und SPD soll ab 2008 nachvollziehbar werden, wer mit wem in den letzten sechs Monaten per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat. Bei Handy-Telefonaten und SMS soll auch der jeweilige Standort des Benutzers festgehalten werden. Anonymisierungsdienste sollen verboten werden.
Im Klartext: Wenn Schäuble (oder einem anderen Befugten) künftig langweilig sein sollte, kann er sich genauestens anschauen, wann ich meinen Psychologen angerufen habe, wann auf welchen Internetseiten war, wann ich wem eine E-Mail geschrieben habe. Und wieso soll das so geschehen? Damit wir alle sicherer leben können. Natürlich. Dass, wenn mutmaßlicher Terrorist A eine SMS an mutmaßlichen Terrorist B mit dem Inhalt “Reichtstagssprengung heute um 13:00 Uhr” schreibt, sofort eingegriffen werden kann.
So weit zu den Vorteilen. Die Nachteile? Davon abgesehen, dass das (ungerechtfertigterweise) einen Haufen Geld kosten wird, verlieren wir alle ein Stück Privatspähre. Und wie ich meine, ist das erst der Anfang. Dann werden die Daten noch etwas länger als ein halbes Jahr gespeichert, dann können die Daten auch eingesehen werden, wenn kein konkreter Veracht besteht, dann wird auch mal der Inhalt der ein oder anderen E-Mail mitgelesen. Und irgendwann haben wir den Überwachungsstaat. Nennt mich paranoid oder einen Verschwörungstheoretiker, ich glaube nicht, dass wir davon so weit entfernt sind.
Doch kommen wir nun zum Experiment. Heute steht auf dem Plan:
Wie offen sind wir?
Dass Personalchefs googlen und Bewerber vorher mal im StudiVZ prüfen, ist nichts Neues. Ich habe von einem Fall gehört, bei dem einer Bewerberin konkret gesagt wurde, dass man sie nicht genommen hat, weil sie im StudiVZ knutschend mit einem Mädchen zu sehen ist. Jaja, die Zeiten ändern sich.
Also, was kann ich übers Internet über einen Menschen herausfinden? Seit es das StudiVZ gibt und es sich großer Beliebtheit erfreut, gibt es nur noch wenige Geheimnisse. Ich werde nun einen konkreten Test durchführen, und zwar mit Fabian S. (Name aufgrund von Anonymisierung nicht ausgeschrieben). Den kenn ich, das macht es mir natürlich etwas leichter, aber ich werde versuchen, alles so zu rekonstruieren, als wüsste ich nur seinen Namen und vielleicht noch, wo er studiert…denn es gibt einen ganzen Haufen Fabian S.’
Erste und vermutlich auch ergiebigste Anlaufstelle: StudiVZ. Registrieren kann sich jeder, überprüft wird da überhaupt nichts, ich gebe einfach den Namen ein. Schon habe ich ein umfassendes Profil vor mir. Angenommen, dass alle Daten stimmen, weiß ich nun schonmal den Geburtstag, den Studiengang, die politische Richtung, den Musikgeschmack, ich weiß, dass er Bayernfan ist, ich habe eine Auswahl seiner Lieblingsfilme und -bücher. Außerdem noch einen kurzen Abriss über alles, was er mag und nicht mag. Auch an seinen Gruppen lässt sich das ein oder andere ablesen.
Zum Beispiel, dass Fabian 2006 am Reuchlin-Gymnasium in Pforzheim Abitur gemacht hat. Also stark anzunehmen, dass er vorher in Pforzheim oder Umgebung gewohnt hat. Außerdem ist er für Anglizismen, mag Hamburg, war dieses Jahr auf dem “Hurricane”-Festival. Außerdem scheint er Gitarre zu spielen und spielt oder hat früher PC gespielt, darauf lässt die LAN-Gruppe schließen, in der er Mitglied ist. Und Fabian war schon einmal in Paraguay.
Aus den Kommentaren auf seiner Seite lässt sich herauslesen, dass er vor Hamburg an der Uni Kiel war. Hätten wir nun also als Laufbahn: Abitur am Reuchlin-Gymnasium in Pforzheim, Studium in Kiel, dann gewechselt nach Hamburg. Davon abgesehen, dass ich auch sofort 35 Fotos von Fabian parat habe, deuten selbige auf einen Dänemark-Urlaub in 2007 hin (bei dem wohl auch ganz gut gekippt wurde
).
Und weiter gehts! Weiter, zu myspace.com. Da hat Fabian nämlich auch seine eigene Seite, unter dem Pseudonym “BlackOne” bzw. “b1ackone”. Hier finde ich nun auch endlich Fabians E-Mail-Adresse. Außerdem sieht es so aus, als würde er am 12. November ins “Grünspan” in Hamburg gehen, am 19. November zu “The Hives” und am 26. in den “Black Rebel Motorcycle Club”.
Außerdem weiß ich nun ziemlich sicher (StudiVZ+MySpace), dass Fabian Single ist, außerdem endlich seinen Geburtsort: Uelzen! Dass er raucht und trinkt, konnte ich schon anhand der Fotos im StudiVZ ablesen, weiß ich nun aber auch sicher. Und als wäre das alles nicht schon viel zu einfach, weiß ich nun auch noch, dass Fabian auch schon in Uelzen aufs Gymnasium gegangen ist, nämlich aufs “Herzog-Ernst-Gymnasium”.
Weiter geht es mit Yasni, der ersten expliziten “Personen-Suchmaschine”. Sie durchsucht mehrere Plattformen auf Benutzeraccounts mit dem Namen, den ich eingebe. Ich finde einen Amazon-Wunschzettel von einem Fabian S. aus Hamburg, bin aber nicht sicher, ob es sich um den richtigen Fabian handelt. Es stehen eine Menge James Bond-Bücher drauf, “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod” und “Die Wahrheit über den Da-Vinci-Code”.
Vielleicht gibt sein Pseudonym “b1ackone” noch mehr her. Die Google-Suche ergibt einen eBay-Nutzer mit diesem Namen. Ob das unser Fabian ist? Ein Blick in seine Bewertungen lassen zumindest so etwas vermuten: Er hat ein T-Shirt der Gruppe “Trail of dead” gekauft, einer US-Rockband. Könnte also hinkommen, mit seinem Musikgeschmack. Außerdem: Ein Trikot vom FC Bayern München! Wir erinnern uns, er ist Bayern-Fan, könnte also durchaus hinkommen. Außerdem hat Fabian ein Nokia N-Gage gekauft und vor fünf Monaten eine DDR-Fahne. Was er damit wohl angestellt hat…
Eigentlich weiß ich nun schon alles. Über die Google-Suche nach “blackone” finde ich anhand der übereinstimmenden ICQ-Nummer heraus, dass Fabian einen Account beim inquake.de-Forum hat. Hier ließe sich bestimmt noch das ein oder andere herausfinden, aber das wichtigste weiß ich eigentlich alles schon.
Mit diesem Experiment wollte ich nur verdeutlichen, wie offen wir alle geworden sind. Mit mir könnte man dasselbe, vermutlich noch detaillierter anstellen. Natürlich kann man sich auch denken, wieso sollte ich was gegen Vorratsdatenspeicherung haben, wenn sowieso jeder Normalsterbliche schon alles über mich herausfinden kann – auch wenn das hier sicherlich Extrembeispiele sind. Die Frage ist nur, ob das so gut ist. Ich denke nicht. Der Trend wird weiter in diese Richtung gehen, und wo das alles endet, kann wohl keiner vorhersehen. Doch es wird sich ebensowenig aufhalten lassen. Es muss ja auch nichts schlechtes sein: Jeder kann sofort mit jedem Kontakt aufnehmen, wir haben ja alle nichts zu verbergen. Haben wir wirklich nicht?
Vielleicht sehen unsere Bewerbungen bald so aus:
Moritz Homann.
Google, StudiVZ, FlickR, MySpace, YouTube. Mit freundlichen Grüßen und in freudiger Erwartung, Moritz Homann.
Denkt mal darüber nach.
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6 Kommentare zu “Vorratsdatenspeicherung, oder: Offene Bücher”
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04.11.2007 -
12:55 von Moritz Homann in
November 4th, 2007 at 13:49
Ich fühle mich irgendwie durchsichtig.
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November 4th, 2007 at 20:28
Hmmm~ ich frage mich, wie du zu Fabians MySpace gekommen bist. Die Adresse ist schließlich nur für diejenigen, die Fabian als Freunde im studiVZ hat, einsehbar – für Fremde allerdings nicht, weswegen der Sprung vom studiVZ ins MySpace so eigentlich nicht möglich ist. Zumindest, solange Fabians MySpace-Adresse nicht seinen Vor- und Nachnamen enthält oder aus sonst einer Quelle ersichtlich ist, wie Fabians Nickname lautet
Davon abgesehen: Was heute – rechtlich und technisch – bereits möglich ist, wird hier sehr ansprechend dargestellt: http://www.spiegel.de/flash/0,5532,15385,00.html
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November 4th, 2007 at 21:18
Ich bin zwar über StudiVZ auf seine MySpace-Seite aufmerksam geworden, hätte sie aber ebenso gut über Yasni finden können.
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November 4th, 2007 at 21:20
Armer Fabian Schwarz ;(
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November 5th, 2007 at 12:40
Ich glaub’s nicht: Da zelebriert das Internet selbst das Ende der Privatheit (google, youtube etc. lassen grüßen) und dann machen die, die das Web für so toll und wichtig halten, so einen Aufstand wegen dem bisschen Vorratsdatenspeicherung. Hallo Leute, wenn ihr wissen würdet, was von euch jetzt schon alles gespeichert wird…
Cheffreak
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November 6th, 2007 at 23:36
[...] gestern auf einen netten und interessanten Artikel von Moritz Homann aufmerksam gemacht. In seinem allerersten Blogeintrag befasst er sich mit dem Thema Datenschutz im Internet und verdeutlicht an einem einfach Beispiel [...]
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